Ein nicht geahndetes Handspiel, wenige Zentimeter an der Torlinie oder eine falsche Abseitsentscheidung können über Weltmeisterschaften und Champions-League-Titel entscheiden. Die Geschichte des Fußballs enthält zahlreiche Schiedsrichterentscheidungen, die noch Jahrzehnte später diskutiert werden. Manche veränderten lediglich ein Spiel, andere beschleunigten sogar die Einführung neuer Technik.
Diese Top 10 bewertet besonders folgenreiche Fehlentscheidungen und umstrittene Schiedsrichterentscheidungen im internationalen Fußball. Entscheidend sind die Klarheit des Fehlers aus heutiger Sicht, die sportliche Tragweite, die Bedeutung des Spiels, die langfristige Wirkung und der Bekanntheitsgrad. Wo eine Situation bis heute nicht zweifelsfrei auflösbar ist – allen voran das Wembley-Tor von 1966 –, wird sie ausdrücklich als umstritten und nicht als bewiesener Fehler eingeordnet. Datenstand ist September 2026. Berücksichtigt werden Männer- und Vereinsfußball auf höchstem internationalem Niveau; reine VAR-Kommunikationspannen ohne vergleichbare historische Tragweite bleiben außen vor. Weitere Rankings gibt es in der Kategorie Sport.
So wurde gewertet
Der Redaktionsscore umfasst maximal 100 Punkte: sportliche Tragweite der Entscheidung (30 Prozent), Eindeutigkeit anhand von Bildern und späteren Analysen (25 Prozent), Bedeutung des Wettbewerbs und der Spielphase (20 Prozent), langfristige Wirkung auf Fußball und Regeltechnik (15 Prozent) sowie internationale Bekanntheit (10 Prozent). Wichtig: Eine Fehlentscheidung ist nicht automatisch der alleinige Grund für Sieg oder Niederlage. Fußballspiele bestehen aus zahlreichen Situationen, und kontrafaktisch lässt sich nicht beweisen, wie eine Partie nach einer korrekten Entscheidung weitergelaufen wäre. Bei umstrittenen Fällen werden daher Entscheidung und nachweisbare Konsequenz voneinander getrennt.
Übersicht
- Maradonas „Hand Gottes“ 1986
- Lampards nicht gegebenes Tor 2010
- Das Wembley-Tor 1966
- Südkorea gegen Italien 2002
- Henry-Handspiel gegen Irland 2009
- Chelsea gegen Barcelona 2009
- Südkorea gegen Spanien 2002
- Luis Garcías „Geistertor“ 2005
- Tévez im Abseits gegen Mexiko 2010
- Wilmots‘ aberkanntes Tor gegen Brasilien 2002
| Rang | Szene | Jahr | Wettbewerb | Entscheidung | Endstand | Folge | Score |
|---|---|---|---|---|---|---|---|
| 1 | Maradonas „Hand Gottes“ | 1986 | WM-Viertelfinale | Handtor anerkannt | ARG 2:1 ENG | Argentinien später Weltmeister | 99/100 |
| 2 | Lampards Tor gegen Deutschland | 2010 | WM-Achtelfinale | Klares Tor nicht gegeben | GER 4:1 ENG | Impuls für Torlinientechnik | 97/100 |
| 3 | Wembley-Tor | 1966 | WM-Finale | Umstrittenes Tor anerkannt | ENG 4:2 BRD n.V. | England wird Weltmeister | 95/100 |
| 4 | Südkorea – Italien | 2002 | WM-Achtelfinale | Mehrere kontroverse Pfiffe | KOR 2:1 ITA n.V. | Italien ausgeschieden | 93/100 |
| 5 | Henry gegen Irland | 2009 | WM-Play-off | Handspiel vor Tor übersehen | FRA 1:1 IRL n.V. | Frankreich qualifiziert | 92/100 |
| 6 | Chelsea – Barcelona | 2009 | CL-Halbfinale | Mehrere strittige Strafraumszenen | 1:1 | Barcelona erreicht Finale | 89/100 |
| 7 | Südkorea – Spanien | 2002 | WM-Viertelfinale | Zwei spanische Tore aberkannt | 0:0; 5:3 i.E. | Südkorea im Halbfinale | 88/100 |
| 8 | Luis Garcías „Geistertor“ | 2005 | CL-Halbfinale | Tor ohne technischen Nachweis | LIV 1:0 CHE | Liverpool erreicht Finale | 85/100 |
| 9 | Tévez gegen Mexiko | 2010 | WM-Achtelfinale | Klares Abseitstor anerkannt | ARG 3:1 MEX | Argentinien weiter | 83/100 |
| 10 | Wilmots gegen Brasilien | 2002 | WM-Achtelfinale | Kopfballtor aberkannt | BRA 2:0 BEL | Brasilien später Weltmeister | 80/100 |
Maradonas „Hand Gottes“ – das berühmteste irreguläre Tor der WM-Geschichte
Rang: 1 legendär
51. Minute, Aztekenstadion, WM-Viertelfinale 1986: Diego Maradona springt zusammen mit Englands deutlich größerem Torhüter Peter Shilton zum Ball. Statt ihn mit dem Kopf zu erreichen, befördert der Argentinier ihn mit der linken Hand ins Tor. Schiedsrichter Ali Bin Nasser erkennt den Treffer zum 1:0 an. Fernsehbilder zeigen das Handspiel eindeutig. Selbst Maradona unterstützte Jahrzehnte später den Einsatz des VAR und räumte ein, dass sein Tor damit aberkannt worden wäre.
Warum steht die Szene auf Rang eins? Weil kaum eine Fehlentscheidung Bekanntheit und sportliche Tragweite derart verbindet. Nur vier Minuten später erzielte Maradona sein berühmtes Solo zum 2:0. England verkürzte durch Gary Lineker, verlor aber 1:2. Das Handtor war damit unmittelbar relevant für das Ergebnis. Argentinien besiegte anschließend Belgien und die Bundesrepublik Deutschland und wurde Weltmeister. Zusätzlich war das Viertelfinale durch die wenige Jahre zuvor ausgetragene Falklandkriegs-Konfrontation zwischen Argentinien und Großbritannien emotional aufgeladen. Maradonas anschließende Formulierung von der „Hand Gottes“ machte aus einem übersehenen Regelverstoß eines der bekanntesten Bilder der gesamten Sportgeschichte.
- 51. Minute des WM-Viertelfinals am 22. Juni 1986.
- Irreguläres Handtor brachte Argentinien mit 1:0 in Führung.
- Argentinien gewann 2:1 und wurde später Weltmeister.
- Redaktionsscore
- 99/100
- Spiel
- Argentinien – England
- Wettbewerb
- WM 1986, Viertelfinale
- Ort
- Estadio Azteca, Mexiko-Stadt
- Minute
- 51.
- Fehler
- Handspiel vor dem Tor nicht erkannt
- Endstand
- 2:1 für Argentinien
- Folge
- Argentinien erreichte das Halbfinale und wurde später Weltmeister
- Technik heute
- VAR könnte ein solches Handtor überprüfen
- Quelle
- FIFA
Frank Lampards nicht gegebenes Tor – der Fehler, der die Torlinientechnik beschleunigte
Rang: 2 Regelwende
Es war eine jener Fehlentscheidungen, die Millionen Fernsehzuschauer innerhalb von Sekunden besser beurteilen konnten als das Schiedsrichterteam. Im WM-Achtelfinale 2010 lag England gegen Deutschland 1:2 zurück, als Frank Lampard aus der Distanz abzog. Der Ball traf die Unterkante der Latte, sprang klar hinter der Torlinie auf und zurück ins Feld. Schiedsrichter Jorge Larrionda und sein Assistent erkannten das Tor nicht an. Statt des 2:2 blieb es beim 1:2; Deutschland gewann später 4:1.
Rang zwei erklärt sich weniger durch die Behauptung, England hätte mit dem Tor gewonnen – das lässt sich nicht wissen – als durch die langfristige Konsequenz. FIFA-Präsident Sepp Blatter bezeichnete Lampards nicht gegebenen Treffer später als entscheidenden Moment für sein Umdenken bei der Torlinientechnik. 2012 genehmigte das International Football Association Board entsprechende Systeme. Bei der WM 2014 wurde die Technik erstmals eingesetzt. Damit führte eine der sichtbarsten Fehlentscheidungen des modernen Fußballs unmittelbar in eine neue technologische Ära. Ironischerweise ereignete sie sich zwischen denselben Fußballnationen, deren WM-Finale von 1966 bereits durch die berühmteste Torlinienkontroverse des 20. Jahrhunderts geprägt worden war.
- Lampards Schuss sprang sichtbar hinter der Torlinie auf.
- Das nicht gegebene 2:2 fiel beim Stand von 1:2.
- FIFA-Präsident Blatter nannte die Szene später entscheidend für die Einführung der Torlinientechnik.
- Redaktionsscore
- 97/100
- Spiel
- Deutschland – England
- Wettbewerb
- WM 2010, Achtelfinale
- Datum
- 27. Juni 2010
- Spielstand
- 2:1 für Deutschland
- Korrekte Entscheidung
- Tor zum 2:2
- Tatsächliche Entscheidung
- Weiterspielen
- Endstand
- 4:1 für Deutschland
- Langzeitfolge
- Wichtiger Impuls für die Zulassung der Torlinientechnik 2012
- Quelle
- BBC Sport
Das Wembley-Tor von 1966 – die berühmteste Zentimeterfrage des Fußballs
Rang: 3 umstritten
Kein anderer Pfiff eines WM-Finales wurde so lange analysiert. Am 30. Juli 1966 stand es zwischen England und der Bundesrepublik Deutschland in der Verlängerung 2:2. Geoff Hurst schoss, der Ball prallte von der Unterkante der Latte nach unten und anschließend zurück ins Spielfeld. Schiedsrichter Gottfried Dienst war unsicher und konsultierte Linienrichter Tofiq Bahramov. Das Tor wurde gegeben: 3:2 für England. Hurst traf später noch einmal zum 4:2 und komplettierte als erster Spieler einen Hattrick in einem Männer-WM-Finale.
Für ein seriöses Ranking ist eine Einschränkung entscheidend: Anders als Maradonas Handspiel oder Lampards Tor lässt sich das Wembley-Tor mit dem damaligen Bildmaterial nicht vollkommen zweifelsfrei als Fehlentscheidung klassifizieren. Seit Jahrzehnten kommen Rekonstruktionen zu unterschiedlichen Ergebnissen. Nach den Regeln muss der Ball vollständig hinter der Linie gewesen sein. Genau dieser Nachweis fehlt. Die sportliche Tragweite war dagegen maximal: Die Entscheidung fiel in der Verlängerung eines WM-Finales und brachte England erstmals in Führung. Moderne Torlinientechnik hätte die jahrzehntelange Diskussion innerhalb von Sekunden beendet. Deshalb landet die Szene trotz verbleibender Unsicherheit auf Rang drei.
- 101. Minute des WM-Finales 1966.
- Tor zum 3:2 nach Rücksprache zwischen Schiedsrichter und Linienrichter.
- Bis heute umstritten, ob der Ball vollständig die Linie überschritt.
- Redaktionsscore
- 95/100
- Spiel
- England – Bundesrepublik Deutschland
- Wettbewerb
- WM 1966, Finale
- Ort
- Wembley Stadium, London
- Minute
- 101.
- Entscheidung
- Tor für England
- Endstand
- 4:2 nach Verlängerung
- Beweislage
- Historisch umstritten; kein moderner Torlinienmesswert vorhanden
- Folge
- England gewann seinen bislang einzigen Männer-WM-Titel
- Quelle
- Sky Sports
Südkorea gegen Italien 2002 – ein ganzes Spiel unter Verdacht
Rang: 4 Kontroverse
Bei vielen berühmten Fehlentscheidungen geht es um eine einzelne Szene. Das WM-Achtelfinale zwischen Südkorea und Italien 2002 wurde dagegen wegen einer ganzen Serie von Entscheidungen diskutiert. Schiedsrichter Byron Moreno sprach Südkorea früh einen umstrittenen Elfmeter zu, den Gianluigi Buffon parierte. Noch folgenreicher wurde die Verlängerung: Francesco Totti erhielt nach einem Zweikampf im Strafraum wegen angeblicher Schwalbe Gelb-Rot. Später wurde ein Angriff von Damiano Tommasi wegen Abseits gestoppt. Südkorea gewann schließlich durch Ahn Jung-hwans Golden Goal 2:1.
Italiens Reaktion war entsprechend heftig. Spieler, Trainer, Medien und Politiker kritisierten Morenos Leistung; zeitweise entstanden sogar Verschwörungstheorien. Für diese gibt es keinen belastbaren Beweis, weshalb sie nicht als Tatsache behandelt werden dürfen. Die Schiedsrichterleistung selbst bleibt jedoch eine der meistdiskutierten einer WM. Besonders die zweite Gelbe Karte gegen Totti wurde zum Symbol der Partie. Südkoreas historischer Erfolg sollte dadurch nicht vollständig auf den Referee reduziert werden: Die Mannschaft hatte zuvor Portugal geschlagen und spielte ein außergewöhnliches Turnier. Dennoch beeinflussten die kontroversen Entscheidungen ein K.-o.-Spiel mit maximaler sportlicher Konsequenz.
- Italien führte seit der 18./19. Minute mit 1:0.
- Totti sah in der Verlängerung Gelb-Rot wegen einer angeblichen Schwalbe.
- Südkorea gewann in der 117./118. Minute durch Golden Goal 2:1.
- Redaktionsscore
- 93/100
- Spiel
- Südkorea – Italien
- Wettbewerb
- WM 2002, Achtelfinale
- Datum
- 18. Juni 2002
- Schiedsrichter
- Byron Moreno
- Schlüsselszene
- Gelb-Rot gegen Francesco Totti in der Verlängerung
- Weitere Kontroverse
- Abseitspfiff gegen Damiano Tommasi
- Endstand
- 2:1 für Südkorea nach Golden Goal
- Einordnung
- Verschwörungsvorwürfe wurden erhoben, sind aber nicht belegt
- Quelle
- The Guardian
Thierry Henrys Handspiel gegen Irland – eine WM-Qualifikation entscheidet sich mit der Hand
Rang: 5 WM-Play-off
Irland stand im November 2009 kurz davor, Frankreich im Play-off um einen Platz bei der WM 2010 ins Elfmeterschießen zu zwingen. In der Verlängerung des Rückspiels in Paris kam der Ball zu Thierry Henry. Der französische Kapitän kontrollierte ihn unmittelbar an der Torauslinie mit der Hand, hielt ihn im Spiel und legte anschließend für William Gallas auf. Gallas traf zum 1:1. Frankreich gewann das Play-off über beide Spiele 2:1 und qualifizierte sich für Südafrika.
Die Bilder ließen kaum Interpretationsspielraum, und Henry räumte das Handspiel selbst ein. Irlands Verband forderte eine Wiederholung; daraus wurde nichts. Die Szene löste deshalb eine der intensivsten Debatten über Videobeweise vor der VAR-Ära aus. Ihr Rang fällt knapp hinter Südkorea gegen Italien aus, weil es sich nicht um eine WM-Endrunde handelte. Die Konsequenz war trotzdem enorm: Ein einziger nicht erkannter Regelverstoß stand unmittelbar vor dem entscheidenden Qualifikationstor. Mit heutigem VAR wäre die Situation eine typische überprüfbare Torentstehung. Der Fall zeigt deshalb besonders deutlich, weshalb Fernsehbilder und Schiedsrichterrealität vor Einführung des Videoassistenten oft unvereinbar waren.
- Entscheidendes WM-Play-off am 18. November 2009.
- Henry berührte den Ball vor Gallas‘ Treffer mit der Hand.
- Frankreich qualifizierte sich mit insgesamt 2:1 für die WM 2010.
- Redaktionsscore
- 92/100
- Spiel
- Frankreich – Republik Irland
- Wettbewerb
- WM-Qualifikation 2010, Play-off
- Ort
- Stade de France
- Schlüsselszene
- Handspiel von Thierry Henry vor dem Tor von William Gallas
- Spielstand danach
- 1:1
- Gesamtergebnis
- 2:1 für Frankreich
- Konsequenz
- Frankreich qualifizierte sich für die WM 2010
- Technik heute
- Überprüfung der Torentstehung durch VAR möglich
- Quelle
- The Guardian
Chelsea gegen Barcelona 2009 – vier Strafraumszenen und ein explosiver Abend
Rang: 6 Champions League
„It’s a disgrace“ wurde zum berühmtesten Satz dieses Champions-League-Abends. Chelsea führte im Halbfinal-Rückspiel 2009 gegen Barcelona durch Michael Essien lange 1:0. Da das Hinspiel 0:0 geendet hatte, wäre dieses Ergebnis für das Finale ausreichend gewesen. Doch mehrere Chelsea-Proteste auf Strafstoß blieben ohne Erfolg. Besonders diskutiert wurden Zweikämpfe gegen Didier Drogba, ein Handspielverdacht gegen Gerard Piqué und eine späte Szene mit Samuel Eto’o. In der Nachspielzeit traf Andrés Iniesta zum 1:1; Barcelona zog dank der damaligen Auswärtstorregel ins Finale ein.
Schiedsrichter Tom Henning Øvrebø wurde zum Mittelpunkt der Kritik. Wichtig ist jedoch die Differenzierung: Nicht jede reklamierte Situation war ein zweifelsfreier Elfmeter. Außerdem war Barcelonas Éric Abidal zuvor ebenfalls umstritten vom Platz gestellt worden. Das Spiel ist deshalb weniger ein Fall einer einzigen klar beweisbaren Fehlentscheidung als ein Musterbeispiel für eine Schiedsrichterleistung, bei der sich kontroverse Szenen häuften. Chelsea hatte zudem selbst mehrere große Chancen vergeben. Trotzdem blieb die Partie als einer der berüchtigtsten Referee-Abende der Champions-League-Geschichte in Erinnerung.
- Hinspiel: 0:0; Rückspiel: 1:1.
- Mehrere Chelsea-Strafstoßforderungen wurden nicht gegeben.
- Iniesta erzielte in der Nachspielzeit Barcelonas entscheidendes Auswärtstor.
- Redaktionsscore
- 89/100
- Spiel
- Chelsea FC – FC Barcelona
- Wettbewerb
- Champions League 2008/09, Halbfinale
- Datum
- 6. Mai 2009
- Schiedsrichter
- Tom Henning Øvrebø
- Rote Karte
- Éric Abidal, Barcelona
- Endstand
- 1:1
- Entscheidendes Tor
- Andrés Iniesta in der Nachspielzeit
- Folge
- Barcelona erreichte das Finale und gewann später den Titel
- Quelle
- Der Tagesspiegel
Südkorea gegen Spanien 2002 – zwei aberkannte Tore im WM-Viertelfinale
Rang: 7 Doppelkontroverse
Nur vier Tage nach dem umstrittenen italienischen Ausscheiden stand Südkorea erneut im Zentrum einer Schiedsrichterdebatte. Im WM-Viertelfinale 2002 gegen Spanien wurden den Spaniern zwei Treffer aberkannt. Besonders berühmt wurde die Szene in der Verlängerung: Joaquín setzte sich rechts durch und flankte zu Fernando Morientes, der einköpfte. Der Assistent hatte den Ball zuvor im Aus gesehen. Fernsehbilder ließen diese Entscheidung höchst fragwürdig erscheinen.
Bereits zuvor war ein spanischer Treffer nach einem Freistoß wegen eines angeblichen Fouls nicht anerkannt worden. Nach 120 torlosen Minuten gewann Südkorea das Elfmeterschießen mit 5:3 und erreichte als erste asiatische Mannschaft seit Einführung des modernen WM-K.-o.-Formats ein Halbfinale. Die Kontroversen gegen Italien und Spanien führten damals zu einer grundsätzlichen Debatte über die Qualität der WM-Schiedsrichter. Selbst FIFA-Präsident Sepp Blatter räumte während des Turniers Probleme bei den Spieloffiziellen ein. Wie beim Italien-Spiel gibt es keinen belastbaren Nachweis für Manipulation. Die Häufung folgenreicher Entscheidungen macht das Viertelfinale dennoch zu einem der prominentesten Schiedsrichterfälle der WM-Geschichte.
- Zwei spanische Treffer wurden aberkannt.
- Nach 120 Minuten stand es 0:0.
- Südkorea gewann das Elfmeterschießen 5:3 und erreichte das Halbfinale.
- Redaktionsscore
- 88/100
- Spiel
- Spanien – Südkorea
- Wettbewerb
- WM 2002, Viertelfinale
- Datum
- 22. Juni 2002
- Aberkannte Tore
- 2 für Spanien
- Spielzeit
- 0:0 nach 120 Minuten
- Elfmeterschießen
- 5:3 für Südkorea
- Konsequenz
- Südkorea erreichte das WM-Halbfinale
- Einordnung
- Massive Kritik an den Offiziellen; kein Beleg für Manipulation
- Quelle
- The Guardian
Luis Garcías „Geistertor“ – wenige Zentimeter entscheiden über Istanbul
Rang: 8 Geistertor
Champions-League-Halbfinale 2005, vierte Minute: Liverpools Milan Baroš kommt nach einem Lupfer von Steven Gerrard mit Chelsea-Torwart Petr Čech zusammen. Luis García bringt den freien Ball Richtung Tor, William Gallas klärt – aber nach Ansicht des Schiedsrichterteams erst hinter der Linie. Das Tor zählt. Es bleibt der einzige Treffer in 180 Minuten Halbfinalfußball zwischen Liverpool und Chelsea.
Ob der Ball vollständig über der Linie war, konnte mit den verfügbaren Fernsehbildern nicht zweifelsfrei nachgewiesen werden. Genau deshalb wurde Garcías Treffer als „ghost goal“ berühmt. José Mourinho bestand darauf, dass es kein Tor gewesen sei; Liverpool verwies auf die Entscheidung des Schiedsrichterteams. Selbst Steven Gerrard sagte später sinngemäß, man wisse nicht sicher, ob der Ball drin gewesen sei. Der Kontext macht die Szene so bedeutsam: Liverpool zog mit 1:0 ins Finale ein, lag dort gegen AC Mailand 0:3 zurück, glich aus und gewann im Elfmeterschießen einen der berühmtesten Europapokale aller Zeiten. Ohne das Geistertor hätte diese Geschichte möglicherweise nie stattgefunden – beweisen lässt sich dieses alternative Szenario natürlich nicht.
- Tor in der 4. Minute des Halbfinal-Rückspiels.
- Einziger Treffer in beiden Halbfinalpartien zusammen.
- Liverpool gewann anschließend das berühmte Finale von Istanbul.
- Redaktionsscore
- 85/100
- Spiel
- Liverpool FC – Chelsea FC
- Wettbewerb
- Champions League 2004/05, Halbfinale
- Datum
- 3. Mai 2005
- Torschütze
- Luis García
- Minute
- 4.
- Endstand
- 1:0
- Gesamtergebnis
- 1:0 für Liverpool
- Beweislage
- Mit damaligen Bildern nicht abschließend auflösbar
- Quelle
- BBC Sport
Carlos Tévez gegen Mexiko – das Abseits, das jeder im Stadion sehen konnte
Rang: 9 klares Abseits
Am selben Tag wie Lampards nicht gegebenes Tor produzierte die WM 2010 noch eine zweite technikpolitische Kuriosität. Im Achtelfinale zwischen Argentinien und Mexiko köpfte Carlos Tévez in der 26. Minute das 1:0. Das Problem: Beim Zuspiel von Lionel Messi stand Tévez klar im Abseits. Schiedsrichter Roberto Rosetti und sein Assistent erkannten den Treffer trotzdem an.
Dann wurde die Situation absurd. Eine Wiederholung erschien auf den Großbildschirmen im Stadion und zeigte Spielern und Zuschauern den Fehler. Die mexikanischen Akteure protestierten beim Schiedsrichterteam – doch ein Videobeweis war nach dem damaligen Regelwerk nicht vorgesehen, und das Tor blieb bestehen. Argentinien gewann 3:1. Im Gegensatz zum knappen Wembley-Tor war die Fehlstellung anhand der Wiederholung unmittelbar erkennbar. Gerade deshalb wurde das Spiel gemeinsam mit Lampards Szene zum Argument dafür, dass der Fußball technisch hinter seiner eigenen Fernsehübertragung zurücklag. Acht Jahre später kam bei einer WM erstmals der VAR zum Einsatz, der exakt solche spielentscheidenden Abseitsfehler überprüfen kann.
- Tévez erzielte in der 26. Minute das 1:0.
- Der Stürmer stand beim Zuspiel klar im Abseits.
- Die Wiederholung des Fehlers wurde sogar auf den Stadionbildschirmen gezeigt.
- Redaktionsscore
- 83/100
- Spiel
- Argentinien – Mexiko
- Wettbewerb
- WM 2010, Achtelfinale
- Datum
- 27. Juni 2010
- Minute
- 26.
- Fehler
- Abseits vor dem 1:0 nicht erkannt
- Endstand
- 3:1 für Argentinien
- Kuriosität
- Stadionbildschirme zeigten unmittelbar eine Wiederholung der Fehlentscheidung
- Technik heute
- VAR beziehungsweise halbautomatische Abseitstechnik
- Quelle
- AS
Marc Wilmots gegen Brasilien – ein aberkanntes Tor gegen den späteren Weltmeister
Rang: 10 WM 2002
Brasilien gewann die WM 2002 mit sieben Siegen aus sieben Spielen, doch im Achtelfinale gegen Belgien hätte die Partie einen anderen Verlauf nehmen können. In der ersten Halbzeit stieg Belgiens Kapitän Marc Wilmots zu einer Flanke hoch und köpfte den Ball ins brasilianische Tor. Schiedsrichter Peter Prendergast hatte jedoch auf ein Offensivfoul von Wilmots an Roque Júnior entschieden und den Treffer nicht anerkannt. Die Entscheidung wurde anschließend heftig kritisiert.
Der Zeitpunkt macht sie bedeutsam: Es stand noch 0:0. Ein anerkanntes Tor hätte Belgien gegen den späteren Weltmeister in Führung gebracht. Stattdessen traf Rivaldo in der 67. Minute für Brasilien, Ronaldo erhöhte kurz vor Schluss zum 2:0. Auch hier gilt: Daraus folgt nicht, dass Belgien bei einer anderen Entscheidung automatisch gewonnen hätte. Brasilien verfügte mit Ronaldo, Rivaldo, Ronaldinho, Cafu und Roberto Carlos über die herausragende Mannschaft des Turniers. Trotzdem gehört die Szene in diese Liste, weil ein regulär wirkender Treffer in einem WM-K.-o.-Spiel aberkannt wurde und die Entscheidung unmittelbar den möglichen Spielverlauf veränderte.
- Aberkanntes belgisches Führungstor beim Stand von 0:0.
- Marc Wilmots hatte per Kopf getroffen.
- Brasilien gewann 2:0 und wurde anschließend Weltmeister.
- Redaktionsscore
- 80/100
- Spiel
- Brasilien – Belgien
- Wettbewerb
- WM 2002, Achtelfinale
- Datum
- 17. Juni 2002
- Spielstand bei der Szene
- 0:0
- Torschütze
- Marc Wilmots
- Entscheidung
- Offensivfoul, Tor aberkannt
- Endstand
- 2:0 für Brasilien
- Folge
- Brasilien erreichte das Viertelfinale und gewann später die WM
- Quelle
- The Guardian
Wie Fehlentscheidungen den Fußball technisch verändert haben
Die zehn Fälle verteilen sich auffällig auf drei Problemgruppen: Torlinie, Abseits und subjektive Entscheidungen bei Handspiel, Foul oder Strafstoß. Für die ersten beiden Kategorien hat sich die technische Situation fundamental verändert. Das IFAB genehmigte 2012 Torlinientechnik. Bei der WM 2014 kam sie erstmals zum Einsatz. Der Schiedsrichter erhält dabei automatisch ein Signal, wenn der Ball die Linie vollständig überschritten hat. Fälle wie Lampard 2010 sollten dadurch auf höchstem Niveau praktisch ausgeschlossen sein.
Der zweite große Schritt war der Video Assistant Referee. Das IFAB nahm VAR 2018 dauerhaft in die Fußballregeln auf; im selben Jahr wurde das System erstmals bei einer Männer-Weltmeisterschaft eingesetzt. VAR darf insbesondere Tore und deren Entstehung, Strafstöße, direkte rote Karten und Spielerverwechslungen überprüfen. Damit wären Szenen wie Maradonas Handtor, Henrys Handspiel oder Tévez‘ klare Abseitsposition heute grundsätzlich überprüfbar.
Technik beseitigt allerdings nicht jede Kontroverse. Ob ein Kontakt für einen Strafstoß genügt, ob ein Zweikampf ein Foul darstellt oder welche Intensität eine rote Karte rechtfertigt, bleibt teilweise Ermessenssache. Das erklärt, warum auch die VAR-Ära weiterhin Diskussionen produziert. Der entscheidende Unterschied: Bei objektiv überprüfbaren Situationen besitzen Schiedsrichter heute Hilfsmittel, von denen ihre Vorgänger 1966, 1986 oder 2010 nur träumen konnten.
Häufige Fragen zu Fehlentscheidungen im Fußball
Was war die berühmteste Fehlentscheidung der Fußballgeschichte?
Maradonas „Hand Gottes“ im WM-Viertelfinale 1986 gilt als wahrscheinlich berühmteste klare Fehlentscheidung. Der Argentinier erzielte gegen England ein Tor mit der Hand, das vom Schiedsrichter anerkannt wurde. Argentinien gewann 2:1 und wurde später Weltmeister.
War das Wembley-Tor 1966 wirklich kein Tor?
Das lässt sich anhand der damaligen Aufnahmen nicht mit derselben Sicherheit beantworten wie moderne Torlinienszenen. England bekam den Treffer zum 3:2 zugesprochen. Bis heute ist umstritten, ob der Ball vollständig hinter der Linie war. Moderne Torlinientechnik hätte die Frage unmittelbar geklärt.
Welche Fehlentscheidung führte zur Einführung der Torlinientechnik?
Frank Lampards nicht gegebenes Tor gegen Deutschland bei der WM 2010 war ein entscheidender Auslöser. FIFA-Präsident Sepp Blatter erklärte später, die Szene habe sein Umdenken beeinflusst. Das IFAB genehmigte die Torlinientechnik 2012.
Hätte VAR Maradonas „Hand Gottes“ verhindert?
Mit dem heutigen Verfahren wäre das Handspiel in der Entstehung eines Tores grundsätzlich VAR-relevant. FIFA erinnerte später selbst daran, dass Maradona den Einsatz der Videotechnik unterstützte und einräumte, sein Handtor wäre damit nicht anerkannt worden.
Verhindert der VAR heute alle Fehlentscheidungen?
Nein. Der VAR kann klare und offensichtliche Fehler in bestimmten spielentscheidenden Kategorien korrigieren. Subjektive Bewertungen – etwa die Intensität eines Kontakts oder die Frage, ob ein Handspiel strafbar ist – können aber weiterhin unterschiedlich beurteilt werden. Zudem entscheidet letztlich weiterhin ein Schiedsrichterteam.







