285 Meter Beton zwischen Talgrund und Mauerkrone: Europas höchste Staudämme erreichen Dimensionen von Wolkenkratzern und halten zugleich Wassermassen zurück, deren Energie ganze Regionen versorgen kann. An der Spitze steht die Grande-Dixence-Staumauer in der Schweiz. Doch „größter Staudamm“ kann mehrere Dinge bedeuten – Höhe, Betonvolumen, Kronenlänge, Stauseevolumen oder Kraftwerksleistung führen zu völlig unterschiedlichen Ranglisten.
Für diese Top 10 ist deshalb die konstruktive Höhe vom tiefsten Fundament bis zur Mauerkrone das entscheidende Sortierkriterium. Bei gleicher Höhe entscheidet die Kronenlänge. Berücksichtigt werden stehende Talsperrenbauwerke in Europa, auch wenn sie wie Vajont heute nicht mehr regulär betrieben werden. Als geografische Europagrenze dient im Kaukasus die Hauptwasserscheide des Großen Kaukasus: Der nördlich davon gelegene Chirkey-Damm in Dagestan zählt damit zu Europa, der südlich gelegene Enguri-Damm in Georgien nicht. Datenstand ist August 2026. Weitere technische Rekorde finden sich in der Kategorie Technik.
So wurde gewertet
Gewertet wird die strukturelle beziehungsweise maximale Bauwerkshöhe vom Fundament bis zur Krone. Diese Kennzahl ist international wesentlich besser vergleichbar als die sichtbare Höhe über dem Flussbett, die bei demselben Bauwerk niedriger ausfallen kann. Bei Gleichstand entscheidet die Kronenlänge. Daten stammen von Kraftwerksbetreibern, Behörden, nationalen Talsperrenorganisationen und Fachinstitutionen. „Staudamm“ wird hier entsprechend dem allgemeinen Sprachgebrauch als Oberbegriff verwendet; technisch handelt es sich bei den meisten Spitzenplätzen um Beton-Staumauern, insbesondere Bogenstaumauern. Reine Pumpspeicher-Oberbecken ohne klassische Talabsperrung sowie Bauwerke außerhalb der geografischen Europagrenze sind ausgeschlossen. Der 271,5 Meter hohe Enguri-Damm in Georgien und die noch höheren asiatischen Talsperren Russlands und der Türkei erscheinen deshalb nicht im Ranking. Die Vajont-Mauer wird wegen ihrer weiterhin bestehenden Bauwerkshöhe berücksichtigt, ihr außer Betrieb befindlicher Status jedoch ausdrücklich ausgewiesen.
Übersicht
| Rang | Staudamm | Land | Höhe | Bauart | Kronenlänge | Stauvolumen | Besonderheit |
|---|---|---|---|---|---|---|---|
| 1 | Grande Dixence | Schweiz | 285 m | Gewichtsstaumauer | 700 m | 400 Mio. m³ | höchste Gewichtsstaumauer der Welt |
| 2 | Vajont | Italien | 261,6 m | doppelt gekrümmte Bogenstaumauer | 190,15 m | heute außer Betrieb | Schauplatz der Katastrophe von 1963 |
| 3 | Mauvoisin | Schweiz | 250 m | Bogenstaumauer | ca. 520 m | 211,5 Mio. m³ | höchste aktive Bogenstaumauer Europas |
| 4 | Chirkey | Russland / Dagestan | 232,5 m | doppelt gekrümmte Bogenstaumauer | 338 m | ca. 2,8 Mrd. m³ | höchste Bogenstaumauer Russlands |
| 5 | Luzzone | Schweiz | 225 m | Bogenstaumauer | 510 m | 107 Mio. m³ | in den 1990er-Jahren um 17 m erhöht |
| 6 | Contra / Verzasca | Schweiz | 220 m | Bogenstaumauer | 380 m | ca. 105 Mio. m³ | bekannt aus „GoldenEye“ |
| 7 | Piva / Mratinje | Montenegro | 220 m | Bogenstaumauer | ca. 269 m | ca. 0,8–0,9 Mrd. m³ | Straße verläuft über die Mauerkrone |
| 8 | Almendra | Spanien | 202 m | Bogenstaumauer | ca. 567 m Hauptmauer | ca. 2,65 Mrd. m³ | höchste Staumauer Spaniens |
| 9 | Kölnbrein | Österreich | 200 m | doppelt gekrümmte Bogenstaumauer | 626 m | ca. 200 Mio. m³ | höchste Staumauer Österreichs |
| 10 | Zillergründl | Österreich | 186 m | Bogenstaumauer | ca. 502 m | ca. 89,5 Mio. m³ | alpiner Teil eines Pumpspeichersystems |
1. Grande Dixence – 285 Meter
Rang: 1 Europarekord
285 Meter hoch, 700 Meter lang und an der Basis rund 200 Meter breit: Die Grande-Dixence-Staumauer im Schweizer Val des Dix ist nicht einfach nur Europas höchste Talsperre. Sie gilt auch als höchste Gewichtsstaumauer der Welt. Das Bauprinzip erklärt ihre enorme Masse. Während eine Bogenstaumauer einen großen Teil des Wasserdrucks seitlich in die Felswände ableitet, widersteht eine Gewichtsstaumauer dem Wasser vor allem durch ihr eigenes Gewicht. Grande Dixence bringt deshalb rund 15 Millionen Tonnen auf die Waage – nach Betreiberangaben mehr als die Cheops-Pyramide.
Für die Mauer wurden knapp sechs Millionen Kubikmeter Beton verbaut. Hinter ihr kann der Lac des Dix etwa 400 Millionen Kubikmeter Wasser speichern. Das Wasser stammt nicht nur aus dem direkten Einzugsgebiet. Ein weit verzweigtes System aus Stollen, Pumpwerken und Fassungen sammelt Schmelz- und Niederschlagswasser aus einem großen Teil der Walliser Alpen. Damit ist Grande Dixence weniger ein einzelner Stausee als der zentrale Speicher eines hochalpinen Energiesystems.
Gebaut wurde die heutige Mauer von 1951 bis 1961. Ihre Dimensionen erforderten bereits damals eine außergewöhnliche Überwachung. Rund 32 Kilometer Kontrollgänge und Schächte durchziehen das Bauwerk und ermöglichen Messungen im Inneren. Temperatur, Verformung, Wasserdruck und kleinste Bewegungen werden kontrolliert, weil selbst massive Betonbauwerke unter dem wechselnden Druck eines gefüllten und geleerten Stausees arbeiten. Der Vorsprung auf Vajont beträgt mehr als 23 Meter. Damit ist Rang eins eindeutig – unabhängig davon, dass andere europäische Speicherbecken wesentlich mehr Wasser fassen.
- 285 Meter maximale Bauwerkshöhe
- 700 Meter lange Mauerkrone
- Knapp 6 Millionen m³ Beton
- Rund 400 Millionen m³ Speichervolumen
- Ort
- Val des Dix, Kanton Wallis, Schweiz
- Höhe
- 285 m
- Kronenlänge
- 700 m
- Basisbreite
- ca. 200 m
- Betonvolumen
- ca. 5,96 Mio. m³
- Stauseevolumen
- ca. 400 Mio. m³
- Bauzeit
- 1951–1961
- Besonderheit
- höchste Gewichtsstaumauer der Welt
- Quelle
- Grande Dixence
2. Vajont – 261,6 Meter
Rang: 2 historisch
Die Vajont-Staumauer ist mit 261,6 Metern die zweithöchste Staumauer dieses Rankings – und zugleich diejenige, deren Geschichte am eindringlichsten zeigt, dass die Sicherheit einer Talsperre nicht allein von der Stabilität des Betonbauwerks abhängt. Die extrem schlanke, doppelt gekrümmte Bogenmauer wurde Ende der 1950er-Jahre in einer engen Schlucht in den Dolomiten errichtet. An der Krone misst sie nur rund 190 Meter Länge und wenige Meter Stärke. Der Wasserdruck sollte über die gekrümmte Form in die steilen Felsflanken eingeleitet werden.
Am 9. Oktober 1963 löste sich jedoch ein gewaltiger Teil des Monte Toc und stürzte in den Stausee. Der rasche Verdrängungseffekt erzeugte eine Flutwelle, die über die Mauerkrone schoss und vor allem das tiefer gelegene Longarone sowie weitere Ortschaften verwüstete. Rund 1.900 Menschen kamen ums Leben. Bemerkenswert und technisch zugleich erschütternd ist, dass die Betonmauer selbst die Katastrophe weitgehend überstand. Das Versagen lag nicht in einem klassischen Mauerbruch, sondern in der dramatisch unterschätzten Instabilität des Berghangs und im Umgang mit den erkannten Warnzeichen.
Gerade deshalb besitzt Vajont einen besonderen Platz in der Ingenieurgeschichte. Die Katastrophe veränderte international die Bewertung geologischer Risiken bei Talsperren. Hangstabilität, Reservoir-induzierte Bewegungen und die Wechselwirkung zwischen Wasserstand und Gebirge werden heute wesentlich umfassender untersucht. Der Stausee wird nicht mehr regulär genutzt; die Mauer steht jedoch weiterhin. Für dieses Höhenranking zählt das physisch erhaltene Bauwerk. Mit 261,6 Metern liegt Vajont deutlich über Mauvoisin, ist aber wegen seines außer Betrieb befindlichen Status keine aktive Rekordtalsperre.
- 261,6 Meter hohe Bogenstaumauer
- Nur rund 190 Meter Kronenlänge
- Die Mauer selbst überstand die Katastrophe von 1963 weitgehend
- Heute ein zentraler Erinnerungs- und Lernort der Talsperrengeschichte
- Ort
- Vajont-Schlucht, Friaul-Julisch Venetien, Italien
- Höhe
- 261,60 m
- Kronenlänge
- 190,15 m
- Kronenstärke
- ca. 3,4 m
- Basisstärke
- ca. 22,1 m
- Betonvolumen
- ca. 360.000 m³
- Status
- nicht mehr regulär als Speicher genutzt
- Katastrophe
- 9. Oktober 1963
- Quelle
- Fondazione Vajont
3. Mauvoisin – 250 Meter
Rang: 3 aktive Rekordmauer
250 Meter erhebt sich die Mauvoisin-Staumauer im Schweizer Val de Bagnes. Damit ist sie niedriger als die stillgelegte Vajont-Mauer, gilt jedoch als höchste aktive Bogenstaumauer Europas. Ihr technisches Prinzip steht im direkten Gegensatz zu Grande Dixence: Statt ihre Stabilität überwiegend durch Masse zu gewinnen, ist die Mauer gekrümmt. Der enorme Wasserdruck wird dadurch seitlich in die stabilen Felsflanken des engen Alpentals übertragen. Das spart Beton und ermöglicht eine vergleichsweise schlanke Konstruktion.
Der Lac de Mauvoisin kann rund 211,5 Millionen Kubikmeter Wasser speichern. Die Anlage entstand in den 1950er-Jahren zur Stromproduktion und wurde zu einem zentralen Baustein der Walliser Wasserkraft. Doch Mauvoisin besitzt noch eine zweite, weniger offensichtliche Funktion: Der Speicher kann Hochwasser zurückhalten und damit dazu beitragen, Naturgefahren im Tal zu reduzieren. Diese Aufgabe hat in der Region historische Bedeutung. 1818 brach weiter talaufwärts ein natürlicher Eisstau, worauf eine gewaltige Flutwelle durch das Val de Bagnes raste und zahlreiche Menschenleben forderte.
Die Kombination aus Energieerzeugung und Hochwasserschutz macht Mauvoisin zu mehr als einem technischen Höhenrekord. Stauseen in den Alpen werden heute zunehmend als flexible Speicher verstanden: Sie können Strom genau dann erzeugen, wenn das Netz ihn benötigt, Wasser saisonal zurückhalten und auf veränderte Niederschlagsmuster reagieren. Gleichzeitig verändern sie Flussökologie, Sedimenttransport und Landschaft. Mit 250 Metern bleibt Mauvoisin zwölf Meter unter Vajont, überragt den viertplatzierten Chirkey-Damm aber um 17,5 Meter. Unter den regulär betriebenen Bogenstaumauern Europas nimmt sie damit eine Spitzenstellung ein.
- 250 Meter hohe Bogenstaumauer
- Rund 211,5 Millionen m³ Speichervolumen
- Wasserkraft und Hochwasserschutz kombiniert
- Höchste aktive Bogenstaumauer Europas
- Ort
- Val de Bagnes, Wallis, Schweiz
- Höhe
- 250 m
- Kronenlänge
- ca. 520 m
- Bauart
- Bogenstaumauer
- Stausee
- Lac de Mauvoisin
- Stauvolumen
- 211,5 Mio. m³
- Bauzeit
- 1950er-Jahre
- Besonderheit
- höchste aktive Bogenstaumauer Europas
- Quelle
- Wallis/Valais Promotion
4. Chirkey-Damm – 232,5 Meter
Rang: 4 Kaukasus-Gigant
Der Chirkey-Damm am Fluss Sulak erreicht 232,5 Meter und ist damit die höchste Bogenstaumauer Russlands. Das Bauwerk liegt in Dagestan in einer spektakulär engen Schlucht nördlich des Hauptkamms des Großen Kaukasus. Genau diese Lage ist für ein Europa-Ranking wichtig: Bei Verwendung der verbreiteten geografischen Grenzziehung entlang der kaukasischen Hauptwasserscheide gehört der Standort noch zum europäischen Teil Russlands. Südlich dieser Linie gelegene Großtalsperren Georgiens werden in diesem Ranking dagegen nicht berücksichtigt.
Chirkey nutzt eine doppelt gekrümmte Bogenform. Die Mauer ist sowohl horizontal als auch vertikal gekrümmt und leitet den Wasserdruck in die massiven Felswände der Sulak-Schlucht. An der Krone misst das Bauwerk rund 338 Meter; seine Stärke nimmt von wenigen Metern oben auf mehrere Dutzend Meter im unteren Bereich zu. Hinter der Mauer liegt der größte künstliche Wasserkörper Dagestans. Das gesamte Speichervolumen bewegt sich in einer Größenordnung von etwa 2,8 Milliarden Kubikmetern und ist damit um ein Vielfaches größer als bei den meisten Schweizer Hochgebirgsspeichern dieser Liste.
Die Stromerzeugung ist entsprechend bedeutend. Das Wasserkraftwerk verfügt über eine installierte Leistung von rund 1.000 Megawatt. Der Bau begann in den 1960er-Jahren, die ersten Maschinensätze gingen in den 1970er-Jahren ans Netz. Chirkey zeigt damit, dass eine Rangliste nach Höhe und eine nach Speichervolumen völlig anders aussehen würde: Obwohl die Mauer 17,5 Meter niedriger als Mauvoisin ist, hält ihr Reservoir ein Vielfaches an Wasser zurück. Gleichzeitig schwankt der Wasserspiegel im jahreszeitlichen Betrieb erheblich – ein sichtbarer Hinweis darauf, dass große Stauseen aktiv als Energiespeicher bewirtschaftet werden.
- 232,5 Meter hohe Bogenstaumauer
- 338 Meter Kronenlänge
- Etwa 1.000 MW Kraftwerksleistung
- Größter künstlicher See Dagestans
- Ort
- Dagestan, Russland
- Fluss
- Sulak
- Höhe
- 232,5 m
- Kronenlänge
- 338 m
- Bauart
- doppelt gekrümmte Bogenstaumauer
- Stauvolumen
- ca. 2,8 Mrd. m³
- Kraftwerksleistung
- ca. 1.000 MW
- Besonderheit
- höchste Bogenstaumauer Russlands
- Quelle
- RusHydro
5. Luzzone – 225 Meter
Rang: 5 nachträglich erhöht
Der Luzzone-Staudamm im Schweizer Kanton Tessin ist ein seltenes Beispiel dafür, dass selbst eine bereits über 200 Meter hohe Staumauer Jahrzehnte später nochmals deutlich wachsen kann. Ursprünglich wurde die Bogenstaumauer von 1960 bis 1963 mit einer Höhe von rund 208 Metern errichtet. Zwischen 1995 und 1999 erhöhte man sie um 17 Meter auf heute 225 Meter. Damit rückte Luzzone in die Spitzengruppe der höchsten europäischen Talsperren auf.
Der technische Nutzen dieser Erhöhung war erheblich. Das Speichervolumen stieg von ungefähr 87 auf 107 Millionen Kubikmeter – rund 20 Millionen Kubikmeter zusätzliche Reserve, ohne einen vollständig neuen Stausee errichten zu müssen. Gerade in einem bestehenden Hochgebirgssystem ist das wirtschaftlich attraktiv, technisch aber anspruchsvoll. Eine ältere Bogenstaumauer kann nicht einfach wie eine Mauer im Hochbau um zusätzliche Betonlagen ergänzt werden. Die neue Geometrie muss Kräfte anders verteilen, an vorhandenen Beton anschließen und weiterhin zuverlässig mit den Felswänden zusammenarbeiten.
Die 510 Meter lange Staumauer ist außerdem für eine ungewöhnliche Nutzung bekannt: Auf ihrer talwärts gerichteten Seite wurde eine künstliche Kletterroute eingerichtet. Sie erstreckt sich über rund 160 Meter und nutzt die gewaltige Betonfläche als vertikale Sportkulisse. Diese touristische Zweitnutzung ist spektakulär, darf aber nicht vom eigentlichen Zweck ablenken. Der Speicher gehört zu einem komplexen Wasserkraftsystem und stellt eine große saisonale Energiereserve bereit. Im Höhenranking liegt Luzzone 7,5 Meter unter Chirkey, aber fünf Meter über Contra und Piva. Die nachträgliche Erhöhung ist der entscheidende Grund dafür, dass die Anlage heute Rang fünf erreicht.
- 225 Meter heutige Bauwerkshöhe
- Von ursprünglich rund 208 Metern um 17 Meter erhöht
- 107 Millionen m³ heutiges Speichervolumen
- 510 Meter lange Mauerkrone
- Ort
- Valle di Blenio, Tessin, Schweiz
- Höhe
- 225 m
- Kronenlänge
- 510 m
- Betonvolumen
- ca. 1,4 Mio. m³
- Stauvolumen
- 107 Mio. m³
- Ursprüngliche Höhe
- ca. 208 m
- Erhöhung
- 1995–1999 um 17 m
- Besonderheit
- nachträglich deutlich vergrößerte Hochgebirgsstaumauer
- Quelle
- Swissdams
6. Contra-Staumauer – 220 Meter
Rang: 6 GoldenEye
Die 220 Meter hohe Contra-Staumauer im Verzascatal teilt sich ihre Höhe mit der Piva-Staumauer in Montenegro. Rang sechs erhält sie aufgrund der längeren Krone: Mit 380 Metern übertrifft sie Piva um mehr als 100 Meter. Die schlanke Betonbogenmauer staut den Lago di Vogorno und gehört zu den bekanntesten Ingenieurbauwerken des Tessins. Ihre weltweite Popularität verdankt sie allerdings weniger der Wasserkraft als einer Filmszene.
Im James-Bond-Film „GoldenEye“ von 1995 springt Bond im Vorspann scheinbar von einem gigantischen Damm in die Tiefe. Gedreht wurde an der Contra-Mauer. Seitdem wird dort kommerzielles Bungee-Jumping angeboten. Der Film machte eine technische Infrastruktur, die außerhalb der Schweiz zuvor vor allem Fachleuten und Reisenden bekannt war, zu einer internationalen Sehenswürdigkeit.
Die eigentliche Ingenieurleistung ist mindestens ebenso spektakulär. Die zwischen 1960 und 1965 errichtete Bogenstaumauer ist stark gekrümmt und nutzt die steilen Felsflanken des Verzascatals zur Aufnahme des Wasserdrucks. Der Lago di Vogorno fasst ungefähr 105 Millionen Kubikmeter. Anders als eine massive Gewichtsstaumauer benötigt Contra deshalb vergleichsweise wenig Beton im Verhältnis zu ihrer Höhe. Gerade die Kombination aus schmaler Schlucht und tragfähigem Fels macht diese Bauweise möglich.
Der Vergleich mit Luzzone zeigt, wie eng die Schweizer Spitzengruppe zusammenliegt: Nur fünf Meter trennen beide Mauern. Dennoch unterscheiden sie sich deutlich in ihrer Geschichte. Luzzone wurde Jahrzehnte nach Fertigstellung erhöht, Contra hat ihre ursprüngliche Höhe behalten. Im europäischen Vergleich ist eine 220-Meter-Mauer bereits außergewöhnlich – selbst Frankreichs berühmte Tignes-Staumauer, die knapp außerhalb der Top 10 liegt, erreicht „nur“ rund 180 Meter.
- 220 Meter hohe Bogenstaumauer
- 380 Meter Kronenlänge
- Rund 105 Millionen m³ Speichervolumen
- 1995 durch den James-Bond-Film „GoldenEye“ weltbekannt geworden
- Ort
- Verzascatal, Tessin, Schweiz
- Alternativer Name
- Verzasca-Staumauer
- Höhe
- 220 m
- Kronenlänge
- 380 m
- Bauzeit
- 1960–1965
- Stausee
- Lago di Vogorno
- Stauvolumen
- ca. 105 Mio. m³
- Besonderheit
- Drehort des „GoldenEye“-Bungee-Sprungs
- Quelle
- Schweiz Tourismus
7. Piva-Staumauer bei Mratinje – 220 Meter
Rang: 7 Balkan-Gigant
Auch die Piva-Staumauer im Norden Montenegros erreicht 220 Meter. Sie liegt damit exakt auf dem Niveau der Contra-Mauer, fällt wegen ihrer kürzeren Krone von ungefähr 269 Metern jedoch auf Rang sieben zurück. Das Bauwerk sperrt den Fluss Piva in einer engen Karstschlucht bei Mratinje und erzeugt den langgestreckten Piva-See. Mit einem Volumen in der Größenordnung von 0,8 bis 0,9 Milliarden Kubikmetern gehört dieser Speicher zu den wasserreichsten Anlagen innerhalb der europäischen Top 10.
Besonders eindrucksvoll ist die Einbindung in die Landschaft. Die Hauptstraße zwischen Montenegro und Bosnien und Herzegowina führt unmittelbar über die Mauerkrone. Reisende passieren dadurch nicht nur ein Kraftwerk, sondern eines der höchsten Betonbauwerke Südosteuropas. Unterhalb fällt das Gelände steil in die Piva-Schlucht ab, oberhalb erstreckt sich der tiefblaue Stausee zwischen hohen Kalksteinbergen.
Die Entstehung des Speichers hatte jedoch einen erheblichen kulturellen und räumlichen Preis. Der frühere Ort Plužine musste wegen der Flutung an höherer Stelle neu aufgebaut werden. Noch aufwendiger war der Umgang mit dem historischen Piva-Kloster aus dem 16. Jahrhundert. Um seine bedeutenden Fresken zu erhalten, wurde der Sakralbau vor der Flutung Stein für Stein abgetragen und an einem neuen Standort rekonstruiert. Damit wurde ein Denkmal buchstäblich vor dem steigenden Wasser versetzt.
Das angeschlossene Wasserkraftwerk verfügt über eine installierte Leistung von rund 342 Megawatt. Piva zeigt deshalb exemplarisch, wie stark große Talsperren Landschaft, Infrastruktur, Energieversorgung und Kulturgeschichte gleichzeitig verändern können. Der Höhen-Gleichstand mit Contra verdeutlicht zudem, warum das Ranking für Gleichstände ein zweites Kriterium benötigt.
- 220 Meter hohe Bogenstaumauer
- Rund 269 Meter Kronenlänge
- Etwa 0,8 bis 0,9 Milliarden m³ Stauseevolumen
- Das historische Piva-Kloster wurde vor der Flutung umgesetzt
- Ort
- Mratinje / Plužine, Montenegro
- Fluss
- Piva
- Höhe
- 220 m
- Kronenlänge
- ca. 269 m
- Bauart
- Bogenstaumauer
- Stauvolumen
- ca. 0,8–0,9 Mrd. m³
- Kraftwerksleistung
- ca. 342 MW
- Besonderheit
- Straßenverbindung führt über die Mauerkrone
- Quelle
- Regierung von Montenegro
8. Almendra – 202 Meter
Rang: 8 Spanien-Rekord
Die Almendra-Staumauer am Río Tormes erreicht 202 Meter vom tiefsten Fundament bis zur Krone und ist damit die höchste Staumauer Spaniens. Dieser Wert wird gelegentlich mit niedrigeren Höhenangaben verwechselt, weil manche Beschreibungen nur die sichtbare Höhe über Gelände oder Flussbett ansetzen. Für dieses Ranking zählt die vollständige Bauwerkshöhe einschließlich Fundament – dieselbe Messlogik wie bei den anderen Kandidaten.
Almendra unterscheidet sich von vielen alpinen Speichern vor allem durch die Dimension des Reservoirs. Hinter der Hauptmauer können ungefähr 2,65 Milliarden Kubikmeter Wasser gespeichert werden. Damit fasst der See mehr als das Sechsfache des Lac des Dix hinter Europas höchster Staumauer. Das zeigt eindrucksvoll, warum Höhe und Speichergröße nicht gleichbedeutend sind. Ein breites Flusstal und ein großes Einzugsgebiet können hinter einer niedrigeren Mauer ein sehr viel voluminöseres Reservoir erzeugen.
Die Hauptmauer ist eine rund 567 Meter lange Bogenkonstruktion. Zusammen mit ergänzenden Absperrbauwerken erstreckt sich das gesamte Talsperrensystem über eine wesentlich größere Distanz. Der Speicher gehört zum großräumigen Wasserkraftsystem am Duero. Über einen kilometerlangen Druckstollen wird Wasser zum Kraftwerk Villarino geleitet, wo ein beträchtlicher Höhenunterschied zur Stromproduktion genutzt werden kann. Die Anlage ist dadurch nicht nur ein Staudamm, sondern Teil eines hydraulischen Netzwerks.
Wie viele große Speicherprojekte des 20. Jahrhunderts hatte auch Almendra soziale Folgen. Siedlungs- und Landwirtschaftsflächen gingen durch die Flutung verloren; das Dorf Argusino verschwand im Reservoirbereich. Heute steht Almendra daher zugleich für spanische Ingenieurleistung und für die tiefgreifenden Landschaftsveränderungen, die mit der großflächigen Wasserkraftentwicklung verbunden waren. Mit zwei Metern Vorsprung auf Kölnbrein belegt die Anlage Rang acht.
- 202 Meter Höhe vom Fundament bis zur Krone
- Höchste Staumauer Spaniens
- Etwa 2,65 Milliarden m³ Speichervolumen
- Teil eines großräumigen Wasserkraftsystems am Duero
- Ort
- Salamanca / Zamora, Spanien
- Fluss
- Tormes
- Höhe
- 202 m
- Kronenlänge Hauptmauer
- ca. 567 m
- Bauart
- Bogenstaumauer mit ergänzenden Absperrbauwerken
- Stauvolumen
- ca. 2,65 Mrd. m³
- Fertigstellung
- um 1970
- Besonderheit
- höchste Staumauer Spaniens
- Quelle
- Spanisches Umweltministerium MITECO
9. Kölnbreinsperre – 200 Meter
Rang: 9 Österreich-Rekord
Genau 200 Meter hoch und 626 Meter lang ist die Kölnbreinsperre in Kärnten. Sie ist die höchste Staumauer Österreichs und das bekannteste Bauwerk der Malta-Reisseck-Kraftwerksgruppe. Mit ihrer doppelt gekrümmten Betonform spannt sie sich auf rund 1.900 Metern Seehöhe zwischen steilen Felswänden. Der Speicher kann bei Vollstau ungefähr 200 Millionen Kubikmeter Wasser aufnehmen – fast exakt so viel, wie die Mauer hoch ist, allerdings in Millionen Kubikmetern statt Metern.
Etwa zwei Millionen Kubikmeter Beton stecken im Bauwerk. Der Betreiber zieht selbst einen anschaulichen Vergleich: Das Volumen nähert sich der Größenordnung der Cheops-Pyramide. Trotzdem ist die Konstruktion für eine Staumauer dieser Höhe relativ schlank, weil der Wasserdruck über die Bogenwirkung in den Fels geleitet wird. Rund 2.500 Messstellen überwachen das Bauwerk. Im Inneren verlaufen Kontrollgänge, in denen die Temperatur ganzjährig ungefähr acht Grad Celsius beträgt.
Die Baugeschichte ist technisch besonders interessant. Nach dem ersten Einstau traten Probleme im Bereich der Gründung und Spannungsverteilung auf. Die Anlage musste aufwendig untersucht, saniert und verstärkt werden. Dieser Fall wurde für den internationalen Talsperrenbau bedeutsam, weil er zeigte, wie empfindlich selbst ein massives Betonbauwerk auf geologische Randbedingungen und geringe Bewegungen reagieren kann. Heute wird Kölnbrein kontinuierlich überwacht.
Über der Krone befindet sich außerdem ein öffentlich zugänglicher Aussichtspunkt mit gläsernem „Airwalk“, der den Blick in die Tiefe freigibt. Damit verbindet die Anlage Energieinfrastruktur, Ingenieurdenkmal und Tourismus. Im Ranking fehlen ihr nur zwei Meter auf Almendra. Sie bleibt jedoch Österreichs unangefochtener Höhenrekord und überragt die zweitplatzierte österreichische Zillergründl-Mauer um 14 Meter.
- 200 Meter hoch und 626 Meter lang
- Rund 200 Millionen m³ Speichervolumen
- Etwa zwei Millionen m³ Beton
- Rund 2.500 Messstellen zur Bauwerksüberwachung
- Ort
- Maltatal, Kärnten, Österreich
- Höhe
- 200 m
- Kronenlänge
- 626 m
- Bauart
- doppelt gekrümmte Bogenstaumauer
- Betonvolumen
- ca. 2 Mio. m³
- Stauvolumen
- ca. 200 Mio. m³
- Überwachung
- rund 2.500 Messstellen
- Rekord
- höchste Staumauer Österreichs
- Quelle
- VERBUND
10. Zillergründl – 186 Meter
Rang: 10 Hochgebirge
Mit 186 Metern schafft es die Zillergründl-Staumauer in Tirol auf den zehnten Platz. Das klingt gegenüber Grande Dixence beinahe bescheiden, doch ein Größenvergleich rückt die Dimension zurecht: Die Mauer wäre aufrecht gestellt höher als viele europäische Hochhäuser und überragt selbst die berühmte Tignes-Staumauer in Frankreich um mehrere Meter. Sie liegt tief im Zillertaler Hochgebirge und sperrt den oberen Ziller zu einem hoch gelegenen Speichersee auf.
Die rund 502 Meter lange Bogenstaumauer gehört zu einem Pumpspeicher- und Wasserkraftsystem, bei dem Höhenunterschiede zwischen verschiedenen Speicherebenen energetisch genutzt werden. Das Prinzip ist für moderne Stromnetze besonders wertvoll. Bei hoher Stromnachfrage kann Wasser durch Turbinen in tiefer gelegene Becken strömen und innerhalb kurzer Zeit elektrische Leistung bereitstellen. Bei Überschussstrom kann Wasser teilweise wieder hinaufgepumpt werden. Ein Speicher wird dadurch faktisch zu einer riesigen „Wasserbatterie“.
Der Zillergründlspeicher fasst ungefähr 89,5 Millionen Kubikmeter. Im Vergleich mit Almendra oder Chirkey ist das wenig, für einen engen alpinen Talschluss jedoch beträchtlich. Hochgebirgsspeicher haben zudem besondere technische Anforderungen: Frost, Lawinen, starke jahreszeitliche Temperaturschwankungen, Schneelasten und schwierige Zufahrten beeinflussen Bau und Betrieb. Auch der Zufluss ist stark vom saisonalen Schmelzwasser geprägt.
Zillergründl markiert zugleich die Schwelle dieser Top 10. Frankreichs Tignes-Damm erreicht rund 180 Meter und verpasst das Ranking damit um etwa sechs Meter. Dass Österreich mit Kölnbrein und Zillergründl gleich zweimal vertreten ist, zeigt die Bedeutung der alpinen Topografie für hohe Talsperren. Enge, tief eingeschnittene Täler mit tragfähigem Fels schaffen genau jene Bedingungen, unter denen Bogenstaumauern besonders effizient gebaut werden können.
- 186 Meter hohe Bogenstaumauer
- Rund 502 Meter Kronenlänge
- Etwa 89,5 Millionen m³ Speichervolumen
- Teil eines hochalpinen Pumpspeicher- und Wasserkraftsystems
- Ort
- Zillertal, Tirol, Österreich
- Höhe
- 186 m
- Kronenlänge
- ca. 502 m
- Bauart
- Bogenstaumauer
- Stauvolumen
- ca. 89,5 Mio. m³
- Bauperiode
- 1980er-Jahre
- Funktion
- Wasserkraft- und Pumpspeichersystem
- Besonderheit
- zweithöchste Staumauer Österreichs
- Quelle
- International Commission on Large Dams
Warum stehen fast nur Betonstaumauern in den Top 10?
Sehr hohe Talsperren lassen sich grundsätzlich auch als Erd- oder Steinschüttdämme bauen. In den engen europäischen Gebirgstälern besitzen Betonbogenmauern jedoch einen entscheidenden Vorteil: Der Wasserdruck wird über die gekrümmte Mauer in stabile Felsflanken abgeleitet. Dadurch kann die Konstruktion erheblich schlanker bleiben als eine reine Gewichtsstaumauer. Voraussetzung sind allerdings ein enges Tal und geologisch sehr tragfähiger Fels.
Grande Dixence bildet eine bemerkenswerte Ausnahme. Ihre 285 Meter hohe Gewichtsstaumauer widersteht dem Wasserdruck in erster Linie durch ihre enorme Eigenmasse. Das erklärt die fast sechs Millionen Kubikmeter Beton. Bei Bogenstaumauern wie Mauvoisin, Luzzone oder Contra übernimmt dagegen die Geometrie einen wesentlichen Teil der Tragwirkung. Die unterschiedlichen Konstruktionsprinzipien zeigen, warum die reine Höhe allein wenig über Materialverbrauch, Speichervolumen oder Leistungsfähigkeit einer Talsperre aussagt.
Häufige Fragen zu den größten Staudämmen Europas
Welcher ist der höchste Staudamm Europas?
Die Grande-Dixence-Staumauer in der Schweiz ist mit 285 Metern die höchste Talsperre Europas. Sie ist zugleich die höchste Gewichtsstaumauer der Welt und hält etwa 400 Millionen Kubikmeter Wasser zurück.
Warum steht Vajont auf Platz zwei, obwohl die Talsperre nicht mehr betrieben wird?
Das Ranking bewertet die physische Höhe des erhaltenen Bauwerks. Die Vajont-Mauer steht weiterhin und misst 261,6 Meter. Nach der Katastrophe von 1963 wird der Speicher jedoch nicht mehr regulär betrieben. Unter den aktiven europäischen Bogenstaumauern liegt deshalb Mauvoisin an der Spitze.
Warum fehlt der Enguri-Damm in Georgien?
Enguri ist mit rund 271,5 Metern höher als fast alle Anlagen dieser Liste. Sein Standort liegt jedoch südlich der Hauptwasserscheide des Großen Kaukasus. Bei der hier verwendeten geografischen Europagrenze gehört er damit zu Asien und wird nicht berücksichtigt.
Welches Land hat die meisten Staudämme in dieser Top 10?
Die Schweiz ist mit vier Anlagen vertreten: Grande Dixence, Mauvoisin, Luzzone und Contra. Österreich folgt mit Kölnbrein und Zillergründl. Die Häufung in den Alpen erklärt sich durch tiefe Täler, große Höhenunterschiede und geeignete Felsformationen.
Ist der höchste Staudamm automatisch auch der mit dem größten Stausee?
Nein. Grande Dixence ist mit 285 Metern deutlich höher als Almendra, speichert aber rund 400 Millionen Kubikmeter Wasser. Der spanische Almendra-Speicher fasst trotz einer nur 202 Meter hohen Mauer ungefähr 2,65 Milliarden Kubikmeter. Die Reservoirgröße hängt vor allem von der Form und Ausdehnung des überfluteten Tals ab.







