Hungersnöte gehören zu den schlimmsten Katastrophen der Menschheitsgeschichte – oft ausgelöst durch eine fatale Mischung aus Naturereignissen, politischer Fehlsteuerung und Krieg. Diese Liste zeigt die 10 größten Hungersnöte der Geschichte nach geschätzter Opferzahl. Die Zahlen sind Näherungswerte, basieren auf historischen Quellen und moderner Forschung und weisen teils große Unsicherheiten auf.
Wichtig: Die Rangfolge versteht sich als historische Einordnung, nicht als „Wertung“. Viele Ereignisse überlappen sich in der Dimension des Leids; bei mehreren Hungersnöten liegen die Schätzungen so weit auseinander, dass auch andere Reihenfolgen vertretbar wären.
Grundlage der Liste: wissenschaftliche Schätzungen zu Übersterblichkeit und demografischen Verlusten. Berücksichtigt werden vor allem großräumige Hungersnöte mit mindestens mehreren Hunderttausend Toten – von kolonialzeitlichen Krisen in Indien über Hungersnöte in China bis zur „Arduous March“ in Nordkorea.
Hinweis zu den Zahlen: Zeitgenössische Statistiken waren oft lückenhaft oder politisch beeinflusst. Deshalb werden Opferzahlen als Bandbreiten angegeben (z. B. „ca. 5–9 Mio.“) und sind stets nur Schätzungen.
| Rang | Hungersnot | Zeitraum | Region | geschätzte Opfer | Hauptursachen |
|---|---|---|---|---|---|
| 1 | Große Chinesische Hungersnot | 1959–1961 | China | ca. 15–45 Mio. | Great Leap Forward, Zwangskollektivierung, Naturkatastrophen |
| 2 | Chinesische Hungersnot 1906–1907 | 1906–1907 | Nordchina | ca. 20–25 Mio. | Flutkatastrophe, Ernteausfälle, unzureichende Hilfe |
| 3 | Northern Chinese Famine | 1876–1879 | Nördliches China | ca. 9,5–13 Mio. | Dürre, El-Niño-Effekt, schwache Verwaltung |
| 4 | Große Bengal Hungersnot | 1769–1773 | Bengalen | ca. 1–10 Mio. | Ernteausfälle, Dürre, koloniale Steuerpolitik |
| 5 | Nordindische Hungersnot | 1876–1878 | Süd- & Zentralindien | ca. 5,6–9,6 Mio. | Dürre, El-Niño, britische Handels- & Exportpolitik |
| 6 | Sowjet-Hungersnot | 1930–1933 | UdSSR (u. a. Ukraine, Kasachstan) | ca. 5,7–8,7 Mio. | Zwangskollektivierung, Getreiderequirierung, Repression |
| 7 | Bengal Hungersnot | 1943–1944 | Bengalen | ca. 0,8–3,8 Mio. | Krieg, Kolonialpolitik, Preisschocks, Ernteverluste |
| 8 | Kilisa-/Chalisa-Hungersnot | 1783–1784 | Nordindien | bis zu ca. 11 Mio. | Dürre, El-Niño, fragiles Steuersystem |
| 9 | Deccan Hungersnot | 1630–1632 | Deccan, Gujarat | mind. mehrere Mio. | Dürre, Ernteausfälle, Krieg, Seuchen |
| 10 | Nordkorea Hungersnot | 1995–1998 | Nordkorea | ca. 0,24–3,5 Mio. | Systemkrise, Naturkatastrophen, außenpolitische Isolation |
Einordnung: Die Spannweite der Opferzahlen zeigt, wie unsicher historische Daten sind. Für die Rangfolge wurden eher konservative bis mittlere Schätzungen herangezogen; einzelne Werte können in der Forschung abweichen.
Übersicht
- Große Chinesische Hungersnot (1959–1961)
- Chinesische Hungersnot (1906–1907)
- Northern Chinese Famine (1876–1879)
- Große Bengal Hungersnot (1770)
- Nordindische Hungersnot (1876–1878)
- Sowjet-Hungersnot (1930–1933)
- Bengal Hungersnot (1943–1944)
- Kilisa-/Chalisa-Hungersnot (1783–1784)
- Deccan Hungersnot (1630–1632)
- Nordkorea Hungersnot (1995–1998)
Große Chinesische Hungersnot (1959–1961)
Rang: 1
Die Große Chinesische Hungersnot gilt als schlimmste dokumentierte Hungersnot der Menschheitsgeschichte. Ausgelöst durch Maos Kampagne des „Großen Sprungs nach vorn“, Zwangskollektivierungen, fehlerhafte Produktionsstatistiken und eine Reihe von Naturkatastrophen, brach in weiten Teilen Chinas die Nahrungsmittelversorgung zusammen. Offizielle Daten wurden lange geschönt oder unter Verschluss gehalten; heute gehen Historiker zumeist von mindestens 15 Mio. bis hin zu 30 oder mehr Millionen Hungertoten aus.
- Zusammenbruch der Landwirtschaft durch unrealistische Produktionsvorgaben und Zwangskollektivierung
- Verstärkt durch Dürre, Überschwemmungen und die „Four Pests“-Kampagne gegen Spatzen
- Schätzungen reichen von ca. 15 bis über 40 Mio. Todesopfer; vielfach als menschengemachte Katastrophe bewertet
- Dauer
- 1959–1961 (teilweise 1958–1962 mitgerechnet)
- Geschätzte Opferzahl
- ca. 15–45 Mio. Menschen
- Hauptursachen
- Great Leap Forward, Zwangskollektivierung, Naturkatastrophen, politische Repression
- Region
- Große Teile von Festlandchina, besonders Provinzen wie Anhui und Sichuan
- Quelle
- V. Smil – China’s great famine (PMC)
Chinesische Hungersnot (1906–1907)
Rang: 2
Die Hungersnot von 1906–1907 traf vor allem den Huai-Flussraum in Anhui und Jiangsu. Nach schweren Überschwemmungen waren sowohl Sommer- als auch Herbsternte zerstört, Millionen Menschen verloren in kurzer Zeit ihre Lebensgrundlage. Zeitgenössische Berichte sprechen von überfüllten Notlagern, Massenflucht und einem Hilfssystem, das der Dimension der Katastrophe nicht gewachsen war.
- Flutkatastrophe 1906 zerstörte Ernten in Nord-Anhui und Nord-Jiangsu
- Historische Schätzungen gehen von rund 20–25 Mio. Todesopfern aus
- Liefert einen Hintergrund für die wachsende Unzufriedenheit, die wenige Jahre später zur Revolution von 1911 beitrug
- Dauer
- Herbst 1906 bis Frühjahr 1907
- Geschätzte Opferzahl
- ca. 20–25 Mio. Menschen
- Hauptursachen
- Überflutungen, Ernteausfälle, unzureichende staatliche Entlastung
- Region
- Nördliches Anhui und nördliches Jiangsu (Nordchina)
- Quelle
- Chinese famine of 1906–1907 – Wikipedia
Northern Chinese Famine (1876–1879)
Rang: 3
Die Northern Chinese Famine von 1876–1879 gilt als eine der tödlichsten Dürrekatastrophen der Qing-Zeit. Ausgelöst durch eine langanhaltende Dürre, die mit einem starken El-Niño-Ereignis verknüpft wurde, blieben Ernten in mehreren nördlichen Provinzen aus. Ganze Regionen verödeten, Menschen verkauften Besitz, Vieh und teils sogar Angehörige, um zu überleben; ausländische Hilfsorganisationen richteten erstmals großangelegte Spendenkampagnen aus.
- Dürre und Ernteausfälle in Provinzen wie Shanxi, Zhili/Hebei, Henan und Shandong
- Schätzungen sprechen von rund 9,5–13 Mio. Toten durch Hunger und Seuchen
- Große Migrationswellen und nachhaltige wirtschaftliche Schäden in Nordchina
- Dauer
- 1876–1879
- Geschätzte Opferzahl
- ca. 9,5–13 Mio. Menschen
- Hauptursachen
- Dürre (El-Niño), schwache Infrastruktur, begrenzte Hilfslogistik
- Region
- Nördliche Provinzen der Qing-Dynastie (u. a. Shanxi, Henan, Zhili)
- Quelle
- DisasterHistory.org – North China Famine 1876–79
Große Bengal Hungersnot (1770)
Rang: 4
Die Große Bengal Hungersnot von 1770 traf das damalige Bengalen kurz nach der Machtübernahme der Britischen Ostindien-Kompanie. Eine Kombination aus Dürre, Ernteausfällen und rigider Steuer- und Tributeintreibung ließ Millionen Menschen verarmen. Viele Dörfer wurden verlassen, ganze Landstriche entvölkerten sich – zeitgenössische Berichte sprechen von einem Drittel der Bevölkerung, das die Katastrophe nicht überlebte.
- Durch Missernten, Dürre und koloniale Steuerpolitik verschärfte Knappheit
- Historische Schätzungen zwischen mind. 1 Mio. und bis zu 10 Mio. Todesopfern
- Langfristige Veränderungen in Besitzstrukturen, Landwirtschaft und Verwaltung Bengalen
- Dauer
- 1769–1773 (Höhepunkt 1770)
- Geschätzte Opferzahl
- ca. 1–10 Mio. Menschen (häufig 7–10 Mio. genannt)
- Hauptursachen
- Dürre, Missernten, koloniale Einnahmenpolitik der East India Company
- Region
- Bengalen und Teile von Bihar (damals Britisch-Indien)
- Quelle
- Great Bengal famine of 1770 – Wikipedia
Nordindische Hungersnot (1876–1878)
Rang: 5
Die Große Hungersnot von 1876–1878 (auch „Great Indian Famine“) breitete sich von Süd- über Zentral- bis Nordindien aus. Nach einer schweren Dürre versagte das koloniale Hilfssystem: Getreide wurde weiterhin exportiert, Hilfsmaßnahmen waren spärlich und stark bürokratisiert. Millionen Kleinbauern und Landarbeiter verloren ihre Lebensgrundlage; viele überlebende Familien wanderten später als Vertragsarbeiter in andere Teile des Empire aus.
- Betraf großflächig Madras, Bombay, Mysore, Hyderabad und angrenzende Regionen
- Demografische Schätzungen: ca. 5,6–9,6 Mio. Todesopfer
- Führte zur Einrichtung von Hungersnot-Kommissionen und späteren Famine Codes in Britisch-Indien
- Dauer
- 1876–1878
- Geschätzte Opferzahl
- ca. 5,6–9,6 Mio. Menschen
- Hauptursachen
- Dürre (El-Niño), fehlende soziale Sicherung, Exportorientierung der Kolonialverwaltung
- Region
- Britisch-Indien (v. a. Deccan, Madras, Bombay, Mysore, Hyderabad)
- Quelle
- Environment & Society – Great Famine of 1876
Sowjet-Hungersnot (1930–1933)
Rang: 6
Die Sowjet-Hungersnot 1930–1933 erfasste große Teile der Kornkammern der UdSSR – darunter die Ukraine, Kasachstan und Regionen im heutigen Russland. Sie stand in engem Zusammenhang mit Stalins Zwangskollektivierung der Landwirtschaft, massiver Getreiderequirierung und Repression gegen sogenannte Kulaken. In der Ukraine ist das Ereignis als Holodomor bekannt und wird dort vielfach als gezielt herbeigeführte Hungersnot interpretiert.
- Brach vor allem in landwirtschaftlichen Überschussregionen aus, obwohl Getreide weiter exportiert wurde
- Moderne Schätzungen sprechen von ca. 5,7–8,7 Mio. Toten in der gesamten UdSSR
- In der Ukraine allein vermutlich 3,5–5 Mio. Hungertote; Thema intensiver historischer und politischer Debatten
- Dauer
- 1930–1933 (Kernzeit 1932–1933)
- Geschätzte Opferzahl
- ca. 5,7–8,7 Mio. Menschen (UdSSR gesamt)
- Hauptursachen
- Zwangskollektivierung, Getreidequoten, Repression, teilweise Witterungseinflüsse
- Region
- Ukraine, Kasachstan, Nordkaukasus, Wolgaregion u. a.
- Quelle
- Soviet famine of 1930–1933 – Wikipedia
Bengal Hungersnot (1943–1944)
Rang: 7
Die Bengal Hungersnot von 1943–1944 ereignete sich während des Zweiten Weltkriegs unter britischer Kolonialherrschaft. Eine Kombination aus Ernteausfällen, Kriegswirtschaft, Preisschocks und umstrittenen Versorgungspolitiken führte zu einem dramatischen Anstieg der Nahrungsmittelpreise. Millionen Menschen litten an Hunger und durch Hunger geschwächte Menschen starben massenhaft an Krankheiten wie Malaria, Cholera und Ruhr.
- Auslöser: Ernteverluste, Verknappung durch Krieg, „denial policies“ und Handelsbarrieren
- Schätzungen zwischen 0,8 und 3,8 Mio. Todesopfern; viele Historiker nennen rund 2–3 Mio.
- Die Hungersnot beschleunigte politische Radikalisierung und Forderungen nach Unabhängigkeit Indiens
- Dauer
- 1943–1944
- Geschätzte Opferzahl
- ca. 0,8–3,8 Mio. Menschen (häufig ca. 3 Mio. genannt)
- Hauptursachen
- Kriegsbedingte Knappheit, Preisschocks, umstrittene britische Versorgungspolitik, Krankheiten
- Region
- Bengalen und Teile von Orissa (damals Britisch-Indien)
- Quelle
- Encyclopaedia Britannica – Bengal famine of 1943
Kilisa-/Chalisa-Hungersnot (1783–1784)
Rang: 8
Die Chalisa-Hungersnot – im Text oft als „Kilisa-Hungersnot“ bezeichnet – traf große Teile Nordindiens in den Jahren 1783–1784. Eine ausgeprägte Dürre im Zusammenhang mit einem El-Niño-Ereignis ließ Ernten ausfallen; weite Landstriche, darunter Gebiete im heutigen Uttar Pradesh, Rajasthan, Punjab und Kaschmir, litten unter extremer Nahrungsmittelknappheit. Zeitgenössische Berichte schildern verlassene Dörfer und massive Bevölkerungsverluste.
- Dürre in zahlreichen nordindischen Fürstentümern und Territorien
- Spätere Schätzungen sprechen von bis zu etwa 11 Mio. Todesopfern – genaue Daten fehlen
- Zeigt, wie stark Klimaschwankungen vormoderne Agrargesellschaften treffen konnten
- Dauer
- 1783–1784
- Geschätzte Opferzahl
- bis zu ca. 11 Mio. Menschen (stark unsicher)
- Hauptursachen
- Dürre, El-Niño-Ereignis, schwache Verwaltungs- und Hilfsstrukturen
- Region
- Nordindien (u. a. Delhi-Gebiet, heutiges Uttar Pradesh, Ost-Punjab, Rajputana, Kaschmir)
- Quelle
- Chalisa famine – Wikipedia
Deccan Hungersnot (1630–1632)
Rang: 9
Die Deccan Hungersnot von 1630–1632 ereignete sich während der Herrschaft des Mogulkaisers Shah Jahan im westlichen und zentralen Indien. Mehrere Jahre hintereinander kam es zu schweren Ernteausfällen; anschließend folgten Überschwemmungen und Seuchen. Chronisten berichten von drastisch gestiegenen Getreidepreisen, entvölkerten Städten und einer Kombination aus Hunger und Pest, die ganze Regionen verheerte.
- Rück-zu-Rück-Ernteausfälle im Deccan-Plateau, in Khandesh und Teilen Gujarats
- Historiker gehen von mehreren Millionen Todesopfern aus, genaue Zahlen sind kaum rekonstruierbar
- Zusätzliche Belastung durch militärische Auseinandersetzungen und Bevölkerungsbewegungen
- Dauer
- 1630–1632 (Auswirkungen teilweise länger spürbar)
- Geschätzte Opferzahl
- mindestens mehrere Millionen Menschen (Schätzungen meist im Bereich 2–3 Mio.)
- Hauptursachen
- Dürre, anschließende Fluten, Seuchen, Kriegshandlungen
- Region
- Deccan-Plateau, Khandesh, Teile Gujarats (Mogulreich)
- Quelle
- Environment & Society – Great Deccan Famine 1630–1632
Nordkorea Hungersnot (1995–1998)
Rang: 10
Die Hungersnot in Nordkorea in den 1990er-Jahren – offiziell als „Arduous March“ bezeichnet – war eine moderne System- und Versorgungskrise. Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion brach die Unterstützung des Landes weg, mehrere Naturkatastrophen trafen die Landwirtschaft, und das staatliche Verteilungssystem kollabierte. Viele Familien lebten über Jahre von Gras, Baumrinde und Nahrungsresten; Fluchtversuche nahmen stark zu.
- Komplette Volkswirtschaftskrise in Kombination mit Überschwemmungen und Dürre
- Schätzungen reichen von etwa 240 000 bis 3,5 Mio. Toten; häufig genannt werden 0,6–1 Mio.
- Internationaler Druck führte ab Mitte der 1990er zu umfangreicher Nahrungsmittelhilfe
- Dauer
- ca. 1995–1998 (manche Schätzungen bis 2000)
- Geschätzte Opferzahl
- ca. 0,24–3,5 Mio. Menschen
- Hauptursachen
- Systemische Fehlplanung, Verlust von Handelspartnern, Naturkatastrophen, politische Isolation
- Region
- Gesamtes Staatsgebiet Nordkoreas
- Quelle
- ODI – Famine in North Korea: humanitarian policy

