2.575 Megawatt an einem einzigen Standort: So viel elektrische Leistung bündelt das Braunkohlekraftwerk Boxberg derzeit laut Betreiber. Damit ist sofort klar, warum ein Ranking der leistungsstärksten Kraftwerke in Deutschland anspruchsvoller ist, als es zunächst klingt. Deutschlands größte Kraftwerksstandorte schrumpfen seit Jahren: Blöcke werden stillgelegt, Reservefunktionen verändern die Verfügbarkeit, Eigentümer wechseln und der Kohleausstieg verschiebt die Rangliste fast jährlich. Wer heute nach den größten Kraftwerken des Landes sucht, bekommt deshalb keine ewige Bestenliste, sondern eine Momentaufnahme eines Energiesystems im Umbau.
Für diese Top 10 zählt die aktuell dokumentierte elektrische Gesamtleistung eines klar abgegrenzten Kraftwerksstandorts in Deutschland. Entscheidend ist nicht, welches Kraftwerk historisch einmal am größten war, sondern welcher Standort nach öffentlich abrufbaren Betreiberangaben 2026 die höchste elektrische Leistung besitzt. Berücksichtigt wurden klassische Großkraftwerke – vor allem Braunkohle-, Steinkohle- und Gaskraftwerke. Windparks, Solarparks, Pumpspeicher, Batteriespeicher und stillgelegte Kernkraftwerke bleiben außen vor, weil sie anderen technischen und regulatorischen Logiken folgen. Das Ergebnis ist eine Liste, die Größe, Systemrelevanz und Strukturwandel zusammenführt – von den Braunkohlegiganten der Lausitz und des Rheinlands bis zum flexiblen Gasstandort Irsching.
So wurde gewertet
Sortierkriterium: Maßgeblich ist die aktuell dokumentierte elektrische Gesamtleistung des Kraftwerksstandorts in Megawatt. Wenn ein Betreiber Nettoleistung ausweist, wurde die Nettoleistung verwendet. Wenn nur Bruttoleistung oder installierte Standortleistung veröffentlicht wird, wird dieser Wert übernommen und in Tabelle sowie Faktenbox klar gekennzeichnet.
Keine historischen Maximalwerte: Das Ranking bewertet nicht die frühere Höchstleistung eines Standorts. Frühere Giganten wie Neurath, Jänschwalde oder Lippendorf werden historisch eingeordnet, aber für die Rangfolge zählt der aktuelle dokumentierte Stand.
Standort statt Betreiberanteil: Bei Kraftwerken mit mehreren Eigentümern wird der gesamte Kraftwerksstandort gewertet, sofern die aktuelle Standortstruktur belastbar dokumentiert ist. Deshalb ist Lippendorf mit beiden Blöcken enthalten, obwohl Eigentümer- und Betreiberstruktur zuletzt verändert wurden.
Datenbasis: Verwendet wurden abrufbare Betreiber- und Unternehmensquellen von LEAG, RWE, GKM, EnBW und Uniper. Jeder Eintrag enthält genau eine Hauptquelle. Bei Standorten mit Reserveblöcken, Eigentümerwechseln oder gemischten Anlagen wird die Abgrenzung im jeweiligen Eintrag erklärt.
Nicht berücksichtigt wurden: Windparks, Solarparks, Pumpspeicher, Batteriespeicher, stillgelegte Kernkraftwerke und reine Industrie-Heizkraftwerke ohne vergleichbare Rolle als Großkraftwerksstandort.
Übersicht
Weitere Ranglisten zu Energie, Infrastruktur und Industrie finden Sie in der Kategorie Technik.
| Rang | Kraftwerk | Bundesland | Energieträger | Leistung 2026 | Leistungsbasis | Aktive Struktur | Historische Größenordnung | Status / Perspektive |
|---|---|---|---|---|---|---|---|---|
| 1 | Boxberg | Sachsen | Braunkohle | 2.575 MW | installierte Leistung laut LEAG | mehrere aktive Blöcke | größter aktiver LEAG-Standort | Teilrückbau ab 2029, Rest bis 2038 |
| 2 | Niederaußem | Nordrhein-Westfalen | Braunkohle | 2.200 MW | Nettoleistung laut RWE | 3 aktive Blöcke | früher deutlich über 3 GW | Kohleausstieg im Rheinischen Revier |
| 3 | Neurath | Nordrhein-Westfalen | Braunkohle | 2.100 MW | Nettoleistung laut RWE | 2 aktive BoA-Blöcke | früher bis ca. 4.400 MW | Ex-Primus der deutschen Kraftwerksliste |
| 4 | Großkraftwerk Mannheim | Baden-Württemberg | Steinkohle / Bahnstrom / Fernwärme | 1.958 MW | Nettoleistung laut GKM | mehrere Blöcke, teils Netzreserve | 2.146 MW brutto | systemrelevanter Südwest-Standort |
| 5 | RDK Karlsruhe | Baden-Württemberg | Steinkohle + Gas | 1.811 MW | elektrische Bruttoleistung laut EnBW | 2 Steinkohleblöcke + 1 GuD-Anlage | RDK 8 als moderner Großblock | RDK 9 als H₂-ready-Perspektive |
| 6 | Lippendorf | Sachsen | Braunkohle | 1.750 MW netto | 2 × 875 MW netto laut EnBW | 2 Blöcke R und S | effiziente Braunkohle-Doppelblockanlage | Standort nach Eigentümerwechsel weiter relevant |
| 7 | Weisweiler | Nordrhein-Westfalen | Braunkohle + VGT | 1.700 MW | Nettoleistung laut RWE | 2 Kohleblöcke + 2 Vorschaltgasturbinen | früher 8 Blöcke am Standort | Braunkohleende geplant |
| 8 | Schwarze Pumpe | Brandenburg | Braunkohle | 1.600 MW | installierte Leistung laut LEAG | 2 Blöcke | Lausitzer Schlüsselstandort | Betrieb bis Ende 2038 vorgesehen |
| 9 | Jänschwalde | Brandenburg | Braunkohle | 1.500 MW | installierte Leistung laut LEAG | 3 aktive Blöcke | früher 3.000 MW | Stilllegung bis Ende 2028 |
| 10 | Irsching | Bayern | Erdgas / GuD | 1.407 MW | Nettoleistung Irsching 4 + 5 laut Uniper | 2 große Gasblöcke, Irsching 6 im Bau | einer der wichtigsten Gasstandorte Süddeutschlands | flexible Reserve- und Back-up-Kapazität |
Wichtige Einordnung: Datteln 4 fällt in dieser Endfassung aus den Top 10 heraus. Der Einzelblock ist mit 1.052 MW sehr groß, liegt aber unter der aktuell berücksichtigten Standortleistung von Irsching. Lippendorf wurde aufgenommen, weil der gesamte Standort mit zwei 875-MW-Blöcken belastbar dokumentiert ist.
Kraftwerk Boxberg
Rang: 1 Deutschlands größtes aktives Kraftwerk
Boxberg steht in dieser finalen Fassung auf Platz 1 – und genau hier zeigt sich, warum eine saubere Methodik entscheidend ist. Die LEAG führt den Standort aktuell mit 2.575 MW installierter Leistung. Damit liegt Boxberg vor Niederaußem und Neurath, wenn man nicht historische Maximalwerte, sondern die heute dokumentierte Standortgröße bewertet. Frühere Kraftwerkslisten setzten häufig Neurath an die Spitze, weil der Standort historisch größer war. Für ein aktuelles Ranking ist das aber nicht ausreichend: Entscheidend ist die gegenwärtig ausgewiesene elektrische Leistung.
Boxberg ist nicht nur ein Zahlenführer, sondern auch ein Symbolstandort der Lausitz. Das Kraftwerk steht für die klassische Braunkohlelogik: große Blöcke, Tagebauanbindung, Grundlastfähigkeit und jahrzehntelange regionale Industriegeschichte. Gleichzeitig ist Boxberg ein auslaufender Riese. Die LEAG beschreibt bereits den schrittweisen Rückbau: Zwei 500-MW-Blöcke sollen Ende 2029 folgen, die restlichen Blöcke erst 2038. Damit ist Deutschlands größtes aktives Kraftwerk zugleich ein Kraftwerk mit klarem Ablaufdatum. Der Spitzenplatz ist deshalb keine Zukunftsprognose, sondern eine präzise Momentaufnahme im Kohleausstieg.
- 2.575 MW installierte Leistung laut LEAG.
- Größter aktuell dokumentierter konventioneller Kraftwerksstandort Deutschlands.
- Teilrückbau ab 2029 vorgesehen, Restbetrieb bis Ende 2038.
Kraftwerk Niederaußem
Rang: 2 BoA-Pionier
Niederaußem ist einer der wichtigsten Standorte, um die deutsche Braunkohlegeschichte zu verstehen. RWE weist das Kraftwerk aktuell mit 2.200 MW Nettoleistung aus. Damit liegt Niederaußem knapp vor Neurath und deutlich hinter Boxberg. Besonders prägend ist der BoA-Block K, ein 1.000-MW-Block, der lange als Symbol für modernisierte Braunkohletechnik galt. Der Standort zeigt damit sehr gut, wie Deutschlands Kraftwerkspark technisch erneuert wurde, obwohl er weiterhin auf fossiler Grundlast beruhte.
Historisch war Niederaußem deutlich größer als heute. Mehrere ältere Blöcke wurden stillgelegt, sodass die aktuelle Leistung nicht mehr der früheren Standortdimension entspricht. Genau deshalb ist Rang 2 so interessant: Niederaußem steht nicht wegen eines neuen Rekordausbaus vorne, sondern weil der Standort trotz Schrumpfung immer noch zu den größten Kraftwerken Deutschlands zählt. Der Vergleich zu Neurath ist besonders eng, aber RWE nennt für Niederaußem aktuell 100 MW mehr Nettoleistung. Im Ranking ist das der entscheidende Unterschied.
- 2.200 MW Nettoleistung laut RWE.
- Mit BoA-Block K einer der bekanntesten modernisierten Braunkohlestandorte Deutschlands.
- Historisch deutlich größer, heute aber bereits stark vom Kohleausstieg geprägt.
Kraftwerk Neurath
Rang: 3 Ex-Primus
Neurath war lange der Name, der bei den größten Kraftwerken Deutschlands zuerst fiel. In der aktuellen Rangfolge reicht es jedoch nur noch für Platz 3. RWE führt den Standort heute mit 2.100 MW Nettoleistung, getragen von den beiden BoA-Blöcken F und G. Historisch war Neurath deutlich größer und erreichte mit mehreren Altblöcken rund 4.400 MW. Für dieses Ranking zählt dieser frühere Spitzenwert aber nur als Einordnung, nicht als Rangbasis.
Gerade diese Differenz zwischen früher und heute macht Neurath redaktionell stark. Der Standort zeigt, wie stark der Kohleausstieg die deutsche Kraftwerkslandschaft bereits verändert hat. Neurath bleibt enorm leistungsfähig, aber es ist nicht mehr der unangefochtene Gigant vergangener Jahre. Die beiden BoA-Blöcke gehören weiterhin zu den leistungsstärksten Braunkohleblöcken Europas und sichern dem Standort hohe Systemrelevanz. Trotzdem ist Platz 3 die sauberere aktuelle Einordnung: Boxberg und Niederaußem weisen nach Betreiberangaben heute größere Standortleistungen aus.
- 2.100 MW Nettoleistung aus zwei aktiven BoA-Blöcken laut RWE.
- Historisch einer der größten Braunkohlestandorte Europas mit rund 4.400 MW.
- Bleibt trotz Schrumpfung einer der wichtigsten Stromstandorte im Rheinischen Revier.
Großkraftwerk Mannheim
Rang: 4 Systemkraftwerk
Das Großkraftwerk Mannheim ist der stärkste Nicht-Braunkohle-Standort im oberen Feld. Das GKM nennt eine elektrische Leistung von 2.146 MW brutto und 1.958 MW netto. Für das Ranking wird die Nettoleistung verwendet, weil sie näher an der tatsächlich ins Netz abgebbaren Leistung liegt. Damit landet Mannheim auf Platz 4 – hinter den drei großen Braunkohlestandorten, aber vor Karlsruhe und Lippendorf.
Der Standort ist besonders spannend, weil er mehr ist als ein klassisches Steinkohlekraftwerk. Mannheim liefert Strom, Fernwärme und Bahnstrom und erfüllt damit mehrere Systemfunktionen gleichzeitig. Teile des Kraftwerks sind inzwischen nur noch aufgrund ihrer Netzrelevanz verfügbar, was die Übergangsrolle des GKM unterstreicht. Im Vergleich zu Boxberg oder Neurath erzählt Mannheim weniger Tagebaugeschichte und mehr Infrastrukturgeschichte: ein urbanes Kraftwerk, das tief in regionale Wärmeversorgung, Industrie und Bahnenergie eingebunden ist. Genau diese Mehrfachrolle macht Rang 4 besonders plausibel.
- 1.958 MW Nettoleistung laut GKM.
- Zusätzlich Fernwärme- und Bahnstromfunktion.
- Größter klassischer Kraftwerksstandort Baden-Württembergs.
Rheinhafen-Dampfkraftwerk Karlsruhe
Rang: 5 Steinkohle-Spätwerk
Das Rheinhafen-Dampfkraftwerk Karlsruhe, kurz RDK, ist einer der wichtigsten Großstandorte Süddeutschlands. EnBW weist für den Standort 1.811 MW elektrische Bruttoleistung aus. Die Anlage besteht aus zwei Steinkohleblöcken und einer Gas- und Dampfturbinenanlage. Damit ist Karlsruhe methodisch klar belegbar: Es handelt sich nicht um eine grobe Schätzung, sondern um eine vom Betreiber ausgewiesene Standortgröße.
Inhaltlich steht das RDK für die späte Phase des deutschen Steinkohle-Kraftwerksbaus. Vor allem Block RDK 8 machte den Standort zu einem der modernsten Steinkohlekraftwerke Deutschlands. Gleichzeitig ist Karlsruhe bereits ein Transformationsstandort. EnBW plant mit RDK 9 ein wasserstofffähiges Gaskraftwerk mit rund 850 MW elektrischer Bruttoleistung. Das macht Rang 5 besonders interessant: Karlsruhe ist noch groß durch Kohle und Gas, denkt seine Zukunft aber bereits jenseits der Steinkohle. Im Vergleich zu Lippendorf liegt das RDK nach dokumentierter Bruttoleistung knapp vorn.
- 1.811 MW elektrische Bruttoleistung laut EnBW.
- Standort aus zwei Steinkohleblöcken und einer GuD-Anlage.
- Perspektive: H₂-ready-Kraftwerksprojekt RDK 9.
Kraftwerk Lippendorf
Rang: 6 wieder aufgenommen
Lippendorf ist der entscheidende Korrekturpunkt dieser Endfassung. In früheren Versionen fehlte der Standort, obwohl er leistungsmäßig klar in die Top 10 gehört. EnBW beschreibt das Gemeinschaftskraftwerk Lippendorf mit zwei Kraftwerksblöcken, R und S, die jeweils 875 MW elektrische Nettoleistung besitzen. Zusammen ergibt das 1.750 MW netto. Damit liegt Lippendorf vor Weisweiler, Schwarze Pumpe, Jänschwalde und Irsching.
Warum war der Standort methodisch heikel? Weil die Eigentümerstruktur zuletzt verändert wurde: EnBW hat seine Anteile verkauft, während LEAG beziehungsweise EP Energy Transition über Block R bereits beteiligt war und die Anlage vor Ort betrieb. Für ein Ranking nach Kraftwerksstandorten ist aber nicht der frühere Betreiberanteil entscheidend, sondern die Gesamtleistung des Standorts. Genau deshalb ist Lippendorf jetzt enthalten. Inhaltlich steht der Standort für besonders effiziente Braunkohletechnik der späten 1990er-Jahre: zwei große, moderne Blöcke mit hohem Nutzungsgrad, aber trotzdem klar fossiler Perspektive. Lippendorf ist damit ein perfektes Beispiel dafür, dass „modern“ und „zukunftsfähig“ bei Kohlekraftwerken nicht dasselbe sind.
- 1.750 MW elektrische Nettoleistung aus zwei Blöcken à 875 MW.
- Eigentümerwechsel 2025/2026, aber der Kraftwerksstandort bleibt top-10-relevant.
- Gilt als eine der effizienteren Braunkohleanlagen Europas.
Kraftwerk Weisweiler
Rang: 7 letzte Rheinische Größe
Weisweiler rutscht durch die Aufnahme von Lippendorf auf Platz 7, bleibt aber einer der wichtigsten verbliebenen Braunkohlestandorte im Rheinischen Revier. RWE nennt für das Kraftwerk 1.300 MW Nettoleistung aus den beiden Braunkohleblöcken G und H sowie zusätzlich 400 MW Nettoleistung aus zwei Vorschaltgasturbinenanlagen. Weil diese Anlagen offiziell zum Standort gehören, werden sie in diesem Ranking mitgezählt. Zusammen ergibt das 1.700 MW netto.
Weisweiler zeigt, wie komplex die Leistungsangaben deutscher Kraftwerke geworden sind. Es handelt sich nicht mehr um einen klassischen Acht-Block-Giganten alter Prägung, sondern um einen Reststandort mit Zusatztechnik. Historisch war Weisweiler deutlich größer; heute ist es ein Kraftwerk im Endspiel des Kohleausstiegs. Gerade deshalb bleibt der Eintrag wichtig: Weisweiler steht für die Phase, in der alte Kohlekraftwerke zwar schrumpfen, aber durch ihre verbleibenden Blöcke und Zusatzanlagen noch immer eine erhebliche Netzleistung bereitstellen.
- 1.700 MW Nettoleistung inklusive Vorschaltgasturbinen.
- Offiziell dokumentierte Zusammensetzung: 1.300 MW Kohle plus 400 MW VGT.
- Typischer Übergangsstandort des Rheinischen Braunkohleausstiegs.
Kraftwerk Schwarze Pumpe
Rang: 8 Lausitzer Schlüsselstandort
Schwarze Pumpe liegt mit 1.600 MW installierter Leistung auf Rang 8. Der Standort ist kleiner als Lippendorf und Weisweiler, bleibt aber einer der wichtigsten Kraftwerks- und Industriestandorte der Lausitz. Im Gegensatz zu Jänschwalde ist Schwarze Pumpe stärker als modernisierter, konzentrierter Doppelblockstandort wahrnehmbar. Die Anlage steht für die ostdeutsche Kraftwerksmodernisierung nach der Wiedervereinigung: weniger Blöcke, größere Einheiten, höhere Effizienz.
Spannend ist Schwarze Pumpe auch wegen seiner Zukunftsrolle. Der Name steht längst nicht mehr nur für Braunkohle, sondern zunehmend für Industrieumbau, Wasserstoffprojekte und neue Energielösungen. Damit ist der Standort ein gutes Beispiel für die doppelte Realität vieler deutscher Kraftwerke: Im Ranking erscheint er als fossiles Großkraftwerk, in der Strukturpolitik aber bereits als möglicher Transformationsstandort. Rang 8 ist deshalb nicht nur eine Leistungsangabe, sondern ein Hinweis darauf, welche Regionen nach der Kohle eine neue industrielle Rolle suchen.
- 1.600 MW installierte Leistung laut LEAG.
- Einer der zentralen Braunkohlestandorte der Lausitz.
- Wichtig für Strukturwandel, Industriepark und mögliche Wasserstoffprojekte.
Kraftwerk Jänschwalde
Rang: 9 Abstieg eines Giganten
Jänschwalde ist der wohl eindrücklichste Beleg dafür, wie schnell sich die Rangliste der größten deutschen Kraftwerke verändert. Früher gehörte der Standort mit rund 3.000 MW zu den größten Braunkohlekraftwerken Europas. Heute führt die LEAG Jänschwalde nur noch mit 1.500 MW installierter Leistung. Damit reicht es weiterhin für die Top 10, aber nicht mehr für die Spitzengruppe.
Gerade dieser Absturz macht Jänschwalde redaktionell interessant. Der Standort steht nicht nur für Stromproduktion, sondern auch für die politische Ökonomie des Kohleausstiegs in Ostdeutschland. Früher war Jänschwalde ein Synonym für Grundlast und industrielle Dauerleistung; heute ist es ein Auslaufmodell mit klarem Enddatum. Die vollständige Stilllegung ist bis Ende 2028 vorgesehen. Rang 9 wirkt deshalb fast wie ein Abschiedsfoto: noch groß genug für die Liste, aber längst nicht mehr der Kraftwerksgigant, der Jänschwalde einmal war.
- 1.500 MW installierte Leistung aus drei aktiven Blöcken.
- Historisch mit 3.000 MW etwa doppelt so groß.
- Komplette Stilllegung bis Ende 2028 vorgesehen.
Kraftwerk Irsching
Rang: 10 Gas-Back-up
Irsching ist der wichtigste methodische Unterschied zur vorherigen Fassung: Nicht nur der einzelne Block Irsching 5 zählt, sondern der relevante aktuelle Kraftwerksstandort. Uniper beschreibt Irsching als Standort mit einem älteren Ölblock und zwei Gasblöcken; Block 3 wurde jedoch Ende 2023 endgültig stillgelegt. Für die aktuelle Standortleistung bleiben vor allem Irsching 4 mit 561 MW und Irsching 5 mit 846 MW. Zusammen ergibt das 1.407 MW Nettoleistung. Damit liegt Irsching vor Datteln 4 und schließt die Top 10 ab.
Inhaltlich ist Irsching ein Gegenmodell zu den Kohlekraftwerken davor. Während Boxberg, Neurath oder Jänschwalde für Grundlast und Kohlelogik stehen, verkörpert Irsching flexible Gaskapazität. Gerade in Süddeutschland ist diese Rolle wichtig, weil steuerbare Kraftwerksleistung für Netzstabilität und Versorgungssicherheit gebraucht wird. Zusätzlich entsteht am Standort Irsching 6 als besondere netztechnische Anlage. Diese neue Einheit wird noch nicht in die aktuelle Leistung eingerechnet, zeigt aber, warum Irsching strategisch relevanter ist, als ein Platz 10 vermuten lässt.
- 1.407 MW Nettoleistung aus Irsching 4 und 5.
- Block 3 ist seit Ende 2023 endgültig stillgelegt und wird nicht mehr gezählt.
- Wichtiger flexibler Gasstandort für Süddeutschland und Netzstabilität.
Fazit: Deutschlands größte Kraftwerke sind ein Abgesang auf die Kohle – und ein Hinweis auf die Back-up-Zukunft
Das Ranking der leistungsstärksten Kraftwerke in Deutschland zeigt ein klares Muster: Die größten Standorte stammen fast alle aus der Kohleära. Braunkohlekraftwerke dominieren die Liste, weil sie über Jahrzehnte auf große Dauerleistung ausgelegt wurden und eng mit Tagebauen, Industrie und regionalen Stromsystemen verbunden sind. Gleichzeitig ist kaum ein Ranking so stark im Fluss wie dieses. Boxberg, Niederaußem, Neurath, Lippendorf und Jänschwalde stehen heute noch weit oben – aber fast jeder dieser Standorte ist bereits kleiner als früher oder hat ein politisch festgelegtes Ablaufdatum.
Die eigentliche Aussage der Liste liegt deshalb nicht nur in den Megawattzahlen. Mannheim und Karlsruhe zeigen, wie alte Großstandorte über Fernwärme, Bahnstrom, Netzreserve oder H₂-ready-Nachfolgeprojekte weiterleben. Irsching zeigt die andere Seite der Energiewende: flexible Gaskapazität, die nicht für Dauerbetrieb, sondern für Netzstabilität und Versorgungssicherheit gebraucht wird. Deutschlands größte Kraftwerke erzählen damit zwei Geschichten gleichzeitig – die Geschichte der Kohle und die Geschichte des Umbaus danach.
Mehr Technik-Rankings rund um Energie, Infrastruktur und Industrie finden Sie in unserer Kategorie Technik.
Häufige Fragen zu den leistungsstärksten Kraftwerken in Deutschland
Welches ist aktuell das leistungsstärkste Kraftwerk in Deutschland?
Nach den aktuell dokumentierten Betreiberangaben liegt Boxberg mit 2.575 MW an der Spitze. Historische Spitzenwerte anderer Standorte wurden bewusst nicht als Rangbasis verwendet.
Warum steht Boxberg vor Neurath und Niederaußem?
Weil die LEAG für Boxberg aktuell 2.575 MW installierte Leistung ausweist, während RWE für Niederaußem 2.200 MW netto und für Neurath 2.100 MW netto nennt.
Warum ist Lippendorf jetzt in der Liste?
Lippendorf gehört mit zwei Blöcken à 875 MW Nettoleistung klar in die Top 10. In dieser Fassung wird der gesamte Kraftwerksstandort bewertet, nicht nur ein einzelner Betreiberanteil.
Warum fällt Datteln 4 aus den Top 10?
Datteln 4 ist mit rund 1.052 MW einer der größten Einzelblöcke Deutschlands, liegt aber unter der aktuell berücksichtigten Standortleistung von Irsching mit rund 1.407 MW.
Warum fehlen Windparks, Pumpspeicher und Kernkraftwerke?
Das Ranking vergleicht bewusst klassische Großkraftwerke. Windparks, Solarparks, Pumpspeicher, Batteriespeicher und stillgelegte Kernkraftwerke folgen anderen technischen und regulatorischen Logiken und würden die Vergleichbarkeit verzerren.







